Die Freiheit der Anderen

Liberté, Égalité, Fraternité ... auch für uns Hühner

Manche Zeitgenossen sehen im politischen Veganismus eine Bedrohung ihrer Freiheit. Sie ordnen den Veganismus als totalitäre, dogmatische Verbotsphilosophie ein.

Dem liegt ein quantitativer Freiheitsbegriff zugrunde, der da lautet: "Je mehr, desto besser!". Diese Sichtweise ist freilich zum Scheitern verurteilt ist in einer endlichen Welt, die auf Konsens und Teilen angewiesen ist, um lebenswert für möglichst viele zu werden und zu bleiben. Der Veganismus vertritt dagegen die große Idee von der Freiheit in sehr gundsätzlicher und qualitativer Weise. Vegan heißt: "Je besser, desto mehr!"

 

Es war im Wahlkampf 2013 ausgerechnet die Freiheitlich Demokratische Partei, die den grünen Vorschlag zum Veggie-Day zu eine Pro-Fleisch-Demo motivierte. Markig forderten die sogenannten Liberalen „Burger-Rechte" und hielten die Bockwurst in den Himmel wie New Yorks Liberia die Flamme der Freiheit. Das wirkt auf plumpe Art sehr eingängig und wurde medial dankbar aufgegriffen, die grünen Veggie-Day-Verfechter in die demagogische Ecke zu drängen. Aber bedroht die Abkehr von Wurst und Braten wirklich die große Idee von der Freiheit?

 

Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass wir alle unsere Fähigkeiten ausleben können, die uns die Natur gegeben hat. Die Freiheit gibt dem Leben Sinn und Schönheit. Nur in der Freiheit können alle Gefühle empfunden und gelebt werden. Dies gilt für uns Menschen, aber dies gilt auch für alle anderen Tiere. Jedes Lebewesen, dem die Fähigkeit und die Begabungen zur Lebensgestaltung mitgegeben ist, hat auch ein grundsätzliches Bedürfnis, diese Fähigkeiten und Begabungen auch auszuleben und damit sein Leben nach eigenem Gusto zu gestalten. Ein Leben in Gefangenschaft deformiert Verstand und Seele.

 

Freiheit ohne Sicherheit und Chancengleichheit aber heißt Freiheit der Privilegierten. Das Recht des Stärkeren wird sich im Klima von Unbegrenztheit seinen Weg bahnen und zur Unfreiheit für viele führen. In der grenzenlosen Freiheit spaltet sich die Welt in Privilegierte und Unterprivilegierte, in Sieger und Verlierer, in Herrschende und Versklavte. Und deshalb braucht die große Idee der Freiheit als Grundlage für Glück, Sinn und Schönheit grundlegende Rechte, die den einzelnen mit einem Schutzzaun umgeben. Rechte, die den notwendigen Raum geben für eine freie und selbstbestimmte Existenz, und die gleichzeitig beschützen vor den Übergriffen jener Vitalen und Starken vom Stamme Nimm, die keine inneren Hemmungen haben, Leben und Lebensqualität der weniger Durchsetzungsstarken zurückzudrängen, zu beschneiden, darüber zu verfügen, um sich von den Möglichkeiten grenzenlos zu bedienen.

Freiheit braucht Sicherheit und gesetzliche Grenzen, weil sie sonst zur Unfreiheit für viele wird.

 

Doch die Mehrheit der Bewohner dieses Landes, die neben und mit uns leben, kennen keine Freiheit, keine Sicherheit, keine Fairness. Sie sind aus unserem System vollständig ausgeschlossen. Sie sind rechtlos, sie sind wertlos, sie sind Freiwild. Allein deshalb, weil sie der falschen Art angehören.

Und das ist das auch große Pech der anderen Arten, denn da, wo die Freiheit grenzenlos ist, gedeiht das Recht des Stärkeren auf dem Rücken der Anderen. Unsere menschliche Welt der beschützten Freiheit ist auf den Knochen der Tiere errichtet, weil gegenüber Tieren unsere Freiheit ein unbegrenztes Privileg ist, über Leib und Leben der anderen Arten zu verfügen.

 

Wir Menschen haben uns dazu selbst ermächtigt, indem wir die Grundrechte, die wir selbst in Anspruch nehmen, allen anderen Arten vorenthalten. Für Tiere bedeutet ein Leben in diesem freien, zivilisierten Land Barbarei, Unterdrückung, Willkür, Tyrannei, Gewalt, Tod.

Unsere vermeintliche menschliche Freiheit ist die Unfreiheit der anderen Tiere und damit Verrat der Idee der Freiheit.

 

Nach der Wahl konstatierte man unisono: Die Forderung nach dem albernen Veggie-Day verdanken die Grünen ihre Stimmeneinbrüche. Doch die Wahrheit ist: Dass es die FDP bei der Wahl noch nicht mal über die 5% Hürde schaffte, hat seine Ursache in der Degradierung der Freiheitsidee auf das quantitative Niveau der Unersättlichen. Und das ist von gestern. Silke Ruthenberg

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