Die Geschichte des Vegetarismus

Veganismus und Vegetarismus in der Antike

Pythagoras - ein berühmter Vegetarier

Der Vegetarismus hat eine lange Geschichte. Seine Spuren reichen bis ins Altertum zurück. Da damals zwischen Veganismus und anderen Formen des Vegetarismus nicht unterschieden wurde muss sich unser Rückblick in die Historie dieser Lebensphilosophie bis in die vergangenen Jahrzehnte auf den Vegetairmus beschränken. 

 

In der Antike wurde der Vegetarismus als Enthaltung vom Beseelten bezeichnet und blieb auf eine relativ kleine Zahl von Anhängern beschränkt, die der gebildeten, philosophisch interessierten Oberschicht angehörten.

Die ersten Berichte liefert im 6. Jhd vor Chr. die religiöse Gemeinschaft der Orphiker, die sich damals in Griechenland verbreiteten. Sie vermieden Fleisch, Eier und Wolle. Als der erste große Vegetarier gilt heute der griechische Gelehrte Pythagoras: „Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück." Er und seine Anhänger verabscheuten nicht nur die religiösen Tieropfer, sondern waren der Meinung, der Mensch sollte Tiere nicht essen, denn der Fleischgenuss mache aus ihm eine Kriegsmaschine, aggressiv und mordlüstern.

 

Die Motivation der Orphiker und der Pythagoreer war religiös. Sie vertraten eine Seelenwanderungslehre, und schätzten dadurch den Lebenswert von Tieren höher ein. Im 5. Jahrhundert v. Chr. galt Empedokles als radikaler Vertreter des Vegetarismus und einer allgemeinen Verschonung der Tiere. Auch Ovid, Plutarch und auch der römische Philosoph Seneca bekannten sich zu Pythagoras´ Philosophie, aber es wurde keine richtige Bewegung daraus.

Immerhin bezeichnete man bis zur Einführung des Begriffes Vegetarier 1847 in England die Menschen, die sich fleischlos ernährten, als Pythagoräer. Auch unter den Platonikern war der Anteil der Vegetarier und „Tierfreunde" relativ hoch, die Stoiker hingegen - wen wundert es? - waren fast alle entschieden antivegetarisch.

 

Vegane Gladiatoren

Die Analysen der Knochen von knapp 70 Gladiatoren, die man im türkischen Ephesus fand durch die österreichischen Anthropologen Professoren Karl Grossschmidt und Fabian Kanz haben ergeben, dass die römischen Kämpfer ihre Kraft völlig vegan aus Gerste, Bohnen und Trockenfrüchten bezogen. 

Vegetarismus im Mittelalter

Franziskus und der Wolf - Foto: Peter Sebald / pixelio.de

Im finsteren Mittelalter konnte sich die vegetarische Bewegung wenig durchsetzen. Unter den spätantiken Christen und in der mittelalterlichen Kirche verzichteten viele Mönche und Einsiedler aus Gründen freiwilliger Entbehrung und Abtötung von Begierden auf Fleischverzehr. Zu ihnen gehörte auch der Kirchenvater Hieronymus. Mit ethischem Vegetarismus hatte das nichts zu tun, gegenüber Fischen hatte man durchweg gar keine Hemmungen.

 

Für einen ethisch motivierten Vegetarismus aus Respekt vor den Tieren gibt es im kirchlichen Christentum der Antike und des Mittelalters offenbar keine Belege. Mitunter wird der heilige Franziskus wegen seiner Einbeziehung der Tiere irrtümlich zu den Vegetariern gezählt; er hat aber in Wirklichkeit Vegetarismus weder praktiziert noch propagiert. Die vielzitierte Liebe von Franziskus zu den Tieren scheint ihren Ursprung in der Huldigung von Gottes Schöpfung zu liegen. Nicht das Tier als Individum wurde wertgeschätzt sondern Gottes Werk. 

Vegetarismus in der Neuzeit

Leonardo da Vinci - Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de

Erst in der frühen Neuzeit traten wieder prominente Persönlichkeiten für einen ethisch begründeten Vegetarismus ein, so das Universalgenie Leonardo da Vinci (1452–1519).

Doch erst in der Aufklärung sorgten prominente Vertreter wie Voltaire und Rousseau für größere Aufmerksamkeit, endgültig etablierte sich der Vegetarismus in Europa dann im 19. Jahrhundert. Im angelsächsischen Raum war die Bereitschaft zur praktischen Umsetzung und Verbreitung der vegetarischen Idee am größten. Der Dichter Shelley war der prominenteste Wortführer des ethisch motivierten Vegetarismus.1801 wurde in London der erste Vegetarierverein gegründet, knapp 50 Jahre später kam es zur Gründung der Vegetarian Society. Ein bekannter Repräsentant des Vegetarismus war George Bernard Shaw. 

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert handelte es sich in der Regel um Ovo-lacto-Vegetarismus; nur vereinzelt traten Anhänger einer völlig tierproduktfreien Ernährung auf.

In Russland war Lew Nikolajewitsch Tolstoi der prominenteste Befürworter des Vegetarismus.

Als Begründer der vegetarischen Bewegung in Deutschland gilt Gustav Struve (1805–1870), der durch Jean-Jacques Rousseaus Roman Émile zu dieser Lebensweise motiviert wurde.

 

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gewann die vegetarische Bewegung an Bedeutung. Die Motive für eine fleischlose Lebensweise waren dabei unterschiedlich. Der „hygienische" Vegetarismus argumentierte, dass der Fleischkonsum für eine Vielzahl von Krankheiten verantwortlich sei. Andere Vegetarier verbanden den Vegetarismus mit Zivilisationskritik mit stark romantischen Merkmalen. Eine dritte Richtung, die im Kaiserreich von einer Vielzahl von Initiativen und Gruppen vertreten wurde, betonte die Aspekte des Tierschutzes und einer für möglich gehaltenen Veredelung der Menschheit durch Fleischverzicht. Ein prominenter Vorreiter dieser Strömung war Richard Wagner. Er forderte eine allgemeine Abkehr vom Fleischverzehr, ernährte sich selbst aber erst in seinen letzten Lebensjahren vegetarisch.

 

1935 löste sich der Dachverband der Vegetarier auf, um seiner geplanten Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten zuvorzukommen. Die Genossenschaft Eden hingegen, die sich schon zur Zeit des Ersten Weltkriegs völkischem und rassistischem Gedankengut vertrat, durfte weiterbestehen. Adolf Hitler wurde von der NS-Propaganda als asketisch lebender Nichtraucher, Vegetarier und Tierfreund dargestellt.

Fleischloser Führer: War Adolf Hitler Vegetarier?

Adolf Hitler: Mein Darmkrampf

Nicht wirklich. Seit 1930 allerdings scheint er zumindest kaum noch Fleisch gegessen zu haben. Das Medical Casebook of Adolf Hitler von Leonard und Renate Heston beschreibt schmerzhafte Verdauensbeschwerden Hitlers, aufgrund derer er nach der Versuch-und-Irrtum-Methode nach und nach „eine exzentrische Diät" entwickelte, „die fast vegetarisch war". Müsli und Rohkost waren seine Hauptnahrung. Andere Quellen berichten von dem einen oder anderen Würstchen oder Täubchen, und so kann man wohl sagen, dass Hitler sich weitgehend vegetarisch ernährte, weil ihm - rundheraus gesagt - ein Furz quersaß.

Der Hitler-Biograf Robert Payne hält das Bild vom vegetarischen, nicht rauchenden und auch sonst asketisch lebenden Führer für ein Propagandakonstrukt, das vor allem von Goebbels gepflegt wurde. Weltanschauliche Gründe standen jedenfalls nicht dahinter. Tatsächlich hat es in der Nazizeit zwar massive Antiraucherkampagnen aber keine öffentlichen Aktionen gegen den Fleischkonsum gegeben. Seine Gäste hat der fleischlose Führer jedenfalls immer großzügig mit Fleisch bewirtet. Und im Gegensatz zu anderen Ländern wie Großbritannien hat man sich auch bemüht, die Soldaten „angemessen" mit Fleisch zu versorgen.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Silke Ruthenberg