Tiere essen: Gewissenlosigkeit oder Gehorsamkeit?

Warum streicheln Menschen mit der einen Hand eine Katze und führen mit der anderen ein Stück Körpeteil von einem Schwein in den Mund? Warum lieben wir Hunde und verachten Hühner? Warum finden wir Kälbchen herzig und trotzdem zulassen, dass ihnen die Mama geraubt wird?

Über das ambivalente Verhältnis vom Menschen zu allen anderen Arten haben sich schon viele kluge Köpfe mehr oder weniger kluge Gedanken gemacht, von der Psychologieprofessorin Melanie Joy bis zum Titelchef vom Stern Derik Meinköhn neulich in seinem Vegan-Blog (Mit zweierlei Maß). Sie verwenden die Schizophrenie als Argument gegen die Schizophrenie.

 

Der Irrtum besteht in dem Umstand, dass aus dem Umstand, dass wir freundlich zu Hunden sind, nicht zwangläufig resultiert, dass wir nun auch freundlich zu Schweinen sein müssten.  Genausogut könnten wir sagen: weil wir Schweine essen sollten wir gerechterweise auch die Köter misshandeln. So argumentierte ja dieser Zoodirektor von Kopenhagen, als er die blutjunge Giraffe abschlachtete: „Stellt Euch nicht so an, ihr esst doch auch Fleisch. So what?“ Die Giraffe wird das nicht überzeugt haben, mich übrigens auch nicht, Schweine hin oder her. 

Wir können übrigens auch nett zu Schweinen sein und übel zu Hunden. Oder umgekehrt. 

Freundlich oder unfreundlich - es bleibt ein xbeliebiger Gnadenerweis, der keine zwingende Schlussfolgerung in die eine oder andere Richtung vorgibt. Das Argumument taugt für den Veganer wie für den Giraffenmetzger gleichermaßen. Eben nichts. 

 

Es stellt sich dabei auch die eine Frage: für wie miserabel schlecht halten wir eigentlich die Menschen, wenn unsere ganze Öffentlichkeitsarbeit darum dreht, sie davon zu überzeugen, dass es falsch ist,  Schweinebuben die Hoden aus dem Leib zu reißen? Wer davon noch überzeugt werden muss, der kann nicht überzeugt werden, dem ist nicht mehr zu helfen. Da fehlt es vom Bein weg, dieser Mensch ist gemeingefährlich. Er wird auch nicht verstehen, da können wir uns den Mund fusselig reden. So jemand denkt: Ich darf. Weil ich es kann. Es ist ein Barbar, ein Soziopath. 

 

Zum Glück sind solche in der Minderheit. Die meisten wissen schon. Sie fühlen und wissen, dass es nicht richtig ist. Und essen trotzdem mit Appetit Schweinelendchen.

Warum? Weil es keine moralische Frage ist, sondern eine psychologische. Um das zu verstehen, sollte man sich deshalb dieses Video anschauen. Keine Angst: es lauern keine Horrorbilder fürs Leben und schlaflose Nächte, nur eine wichtige Wahrheit über die Natur des Menschen, die man verstehen muss, um sie zu überwinden:

Wenn 65% von ganz normalen, mitfühlenden Menschen fähig sind, Mitmenschen tödliche Elektroschocks zu verpassen, nur weil eine Macht/ Autorität es anweist, wie kann man dann die Hoffnung haben, dass die systematischen Gewalt gegen Tiere für eine nennenswerte Anzahl von Menschen eine Rolle spielt, dass sie sich mit etwas sehr Zentralem wie der Ernährung gegen die Macht des Gruppendrucks stellt? Wo die Gewalt gegen Tiere weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit stattfindet und auf viele verteilt ist, denen man die Verantwortung zuschieben kann?

Es ist der Gruppendruck. Es ist der Gruppendruck der Tätergesellschaft. Nein zu sagen und gegen den Strom zu schwimmen ist eine ungeheuer schwere Angelegenheit. Nur wenige haben dazu den Mut und die Fähigkeit zum Ungehorsam. Dabei ist es den wenigsten bewusst, wer gibt schon gerne sich und anderen zu, dass er aus Feigheit mit der Meute schwimmt? Und wer gibt gern sich und anderen zu, dass für ihn das richtige Verhalten nur das herrschende Verhalten ist? Und dass er mit dem Aggressor mitschwimmt, weil das ratsam scheint, weil das am wenigsten bedrohlich wirkt.

Wo wir doch alle, alle gehorsam sein mussten als Kind, damit es uns gut geht! Da haben wir etwas fürs Leben gelernt. und wie gründlich.

Das müssen wir den Menschen da draußen vermitteln! Es ist nicht ihre Gewissenlosigkeit, die sie an die Fleischtöpfe lockt, es ist ihre Gehorsamkeit. Und der erste Schritt, sich davon zu lösen, ist, es zu verstehen.

Deshalb ein Buchtipp, ein Weihnachtsgeschenk vielleicht an sich und andere:

Arno Gruen

Wider den Gehorsam

3. Aufl. 2014, 97 Seiten, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-608-94891-2

EURO 12,--

 

 

Wer nicht schauen will, kann es hier lesen:  

Es geht um die Erkenntnisse aus dem berühmtesten sozialpsychologischen Experiment. Es wurde bereits in den 60er Jahren durchgeführt. Das Milgram-Experiment sollte das Spannungsverhältnis zwischen Gehorsamkeit und Gewissen untersuchen und brachte wenig schmeichelhafte Selbsterkenntnisse.   

DasExperiment war wie ein Theaterstück aufgebaut. Den freiwilligen Studienteilnehmern wurde erzählt, sie nähmen an einer Studie teil, die den Zusammenhang zwischen Bestrafung und Lernerfolg untersuchen wollte. Per fingiertem Auswahlverfahren wurden die Rollen von Schüler und Lehrer zugewiesen. Der Lehrer sollte Fragen stellen, der Schüler sollte sie im Nebenzimmer beantworten. Bei einer falschen Antwort hatte der Lehrer dem Schüler einen Stromstoß zu verpassen, der mit jeder falschen Antwort um 15 Volt erhöht wurde. Eine Reihe von gekennzeichneten Schaltern war dafür zu betätigen. Der Lehrer durfte dabei zusehen, wie der Schüler auf einem Stuhl festgeschnallt und mit Elektroden versehen wurde.

Diese Versuchsanordnung war die Wirklichkeit des "Lehrers". Was der "Lehrer" nicht wusste: nicht der Schüler, er selbst war die Versuchsperson, der Schüler war ein Schauspieler und sollte sich nur rollengerecht verhalten. Er bekam freilich auch keine Stromschläge verpasst, er sollte nur reagieren: bei 75 Volt grunzen, bei 120 Volt vor Schmerz schreien, bei 150 Volt sagen, dass er nicht mehr teilnehmen möchte am Experiment, bei 200 Volt markerschütternd schreien, bei 300 Volt die Antwort verweigern, bei 330 Volt  keine Reaktion mehr geben, um Bewusstlosigkeit oder Tod zu simulieren.

Und totzdem: 65% !!! der Versuchspersonen waren bereit, den Schüler mit der maximalen Voltstärke von 450 Volt zu „bestrafen“. Keiner brach das Experiment vor einer Voltstärke von 300 Volt ab.  Auch wenn der innere Konflikt ersichtlich war, und die Versuchspersonen zitterten, schwitzen und extrem nervös wurden, machten sie mehrheitlich bis zum bitteren Ende weiter, sogar als sie annehmen mussten, der „Schüler“ sei tot oder bewusstlos. Nur, weil der Versuchsleiter freundlich, aber bestimmt, dazu aufforderte. 65%!!! 2/3 der Teilnehmer. Da hat selbst Milgram nicht erwartet. Apropos: der Experiment wurde abgewandelt wiederholt, die Ergebnisse nahezu blieben gleich. 

Ein anderes bedeutendes Experiemnt ist das Stanford-Prison-Experiment, das untersuchte, wie bedeutsam eine zugewiesene Rolle aus das Verhalten eines Menschen wirkt. Das Experiment wurde seinerzeit abgebrochen, weil die Gewalt  eskalierte. Menschen scheinen nur zu bereit, in einer Rolle aufzugehen, die man ihnen zuweist. Ein wichtiges Wissen... um sich von solchen Tendenzen frei zu machen und seine Mitmenschen davon zu lösen. 

 

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© Silke Ruthenberg