Die Geschichte des modernen Veganismus

Anti-Zoo-Aktion von Veganern 1995

An Boden gewann der Vegetarismus in den frühen 80er Jahren im Zuge der Politisierung der Tierschutzbewegung. Anfang der 80er Jahre hatten auch unabhängig voneinander die Universität Gießen, das Krebsforschungszentrum Heidelberg und das Bundesgesundheitsamt Berlin drei große Vegetarierstudien durchgeführt - mit dem unerwarteten Ergebnis, dass Vegetarier günstigere Blutdruckwerte, ein besseres Körpergewicht, eine höhere Lebenserwartung und eine geringere Anfälligkeit gegen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorweisen. Eigentlich wollte man ja das Gegenteil nachweisen ....  

 

Vegan in den 90ern - es geht los

 

Bereits 10 Jahre später machten eine zunehmende Anzahl von tierrechtsbewegten Veganern mit Jagdsabotagen, Nacktdemos gegen Pelz und Tierbefreiungen auf sich und das systematische Unrecht an Tieren aufmerksam. Krümmte sich 1994 SPIEGEL-TV noch vor Lachen über diese lächerlichen Freeks, die im Frankfurter Zoo ein Gehege besetzten und für das Recht auf Freiheit auch für Tiere demonstrierten, trat nur ein Jahr später eine 40minütige Reportage auf Pro 7 über spektakuläre Tierrechts-Aktionen von ANIMAL PEACE eine Welle von Sympathie und Solidarität los. In der Folge wurde nun ernsthaft in großen Tageszeitungen und Magazinen über Tierrecht und Veganismus berichtet. Erstmals gelang es, ein größeres öffentliches und mediales Interesse durch spektakuläre Aktionen auf die Tierausbeutung und den veganen Lebensstil zu ziehen.

In Frankenthal in der Pfalz eröffnete der erste vegane Einkaufsmarkt RADIX seine Pforten (heute in München als veganer Supermarkt ansässig) und bot vegane Delikatessen von Leberkäs bis Schlagsahne an, die bis dahin noch weitgehend unbekannt waren.

Lieber nackt als Pelz - Aktion 1999

Schnell wehte den Veganern aber auch ein eisiger Wind ins Gesicht. Da wurde auch vor Rufmord nicht zurückgeschreckt. Bundesweites Medieninteresse löste ein Brandanschlag auf eine Biometzgerei in Bremen aus: Veganer hätten das Schaufenster zertrümmert und den Fleischerladen mit Bekennerslogans vollgesprüht. Man plusterte sich vor Empörung über diese sittliche Verkommenheit. Als sich schließlich herausstellte, dass es sich beim Täter um einen einzelnen, wahrhaft völlig unveganen Versicherungsbetrüger handelte (rechtskräftig verurteilt 1996), nämlich um den Biometzger selber, war das den Medien wiederum - wenn überhaupt - nur eine Randnotiz wert.

Befreiung von Hühnern 2002

Veganerhatz und Veganhype im neuen Millenium

 

Gleichzeitig wurden Ernährungswissenschaftler nicht müde, im Wissenschaftsteil der Tageszeitungen vor der vermeintlichen Gesundheitsgefährdung durch veganes Essen zu warnen. Einen Höhepunkt erreichte die Veganerhatz im Herbst 2004, als in Paderborn ein Ehepaar vor Gericht stand, weil ihr 16 Monate alter Sohn verhungert war. Er hatte wegen einer unbehandelten Lungenentzündung tagelang nichts mehr gegessen. Vor Gericht war die Sache eindeutig. Es war zweifelsfrei das Versäumnis der Eltern, ihren Sohn trotz schwerer Erkrankung nicht zum Arzt gebracht zu haben. Das hatte dem Kind sein Leben gekostet.
Für die Medien jedoch sah die Sache anders aus. Da die Familie sich rein pflanzlich ernährte, streng „nach Konz", dem bekannten Steuerexperten und Urköstler, wurde diese Eigenart zur Todesursache erklärt: „Die Eltern hatten das Kind so lange mit veganer Ernährung traktiert, bis es tot war." Der Autor, Feuilletonchef von Die Welt und auch sonst geübt im Nachstellen und Verfolgen - er ist Jäger - , handelte sich mit seinen Pamphleten in der Welt und der Berliner Morgenpost freilich eine Rüge des Deutschen Presserats ein. Nur der Blödsinn war gedruckt und hunderttausendfach gelesen.

 

Auf dem Boden erwachenden Tierrechtsbewusstseins in der Bevölkerung kletterten nacheinander zwei Bücher in die Bestsellerlisten, die sich mit Nutztierhaltung und Vegetarismus auseinandersetzten: „Tiere essen" des amerikanischen Bestsellerautors Jonathan Safran Foer und kurz darauf „Anständig essen" der deutschen Bestsellerautorin Karen Duve.

Damit wurde die Sorge um das Schicksal der Nutztiere gesellschaftsfähig.

Der Markt war geschaffen, den nun der Berliner Hobbykoch und Physikstudent Attlia Hildmann und der Becker Joest-Verlag mit stylischen Kochbüchern bedienten. Man setzte klar auf einen spassbetonten Gesundheitsveganismus. Das Konzept ging auf, die Bücher wurden 2012 und 2013 Marktführer auf dem Kochbuchsektor.
Auch wenn der „Knackarsch-Veganismus" von Hildmann womöglich mehr Wetterhahn denn Wettermacher ist und darüber der inhaltliche Kern zeitweise in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, sind die Zeichen der Zeit erkannt.
Vor dem Veganismus liegt eine große Zukunft.

Vegan-Next-Generation Aljoscha, 11, bloggt jetzt vegan hier auf VIVA-VEGAN.

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