Die Gedanken der Tiere

"Ich bin kein Schafskopf!" - © cs-photo - Fotolia.com

Tiere wissen, was sie wollen

 

Bis heute geizen Wissenschaftler auch mit Anerkennung, wenn es um das Denken der Tiere geht. Das haben sie mit den Philosophen gemeinsam.
Erst Charles Darwins These, dass gemeinsame Vorfahren uns Menschen mit den Tieren verbinden, erschütterte das cartesianische Weltbild, das Tiere als Schlafwandler des Lebens begriff.
Dennoch löst sich die Wissenschaft nur schwer von der alten Zweiteilung in bewusstes und nicht-bewusstes Leben. Sie - und wir alle - blenden beharrlich einen wichtigen Teil der Darwinschen Evolutionstheorie aus, hält der Wissenschaftstheoretiker Daniel C. Dennett in seinem Buch „Darwins gefährliches Erbe" fest. Der Gedanke, dass auch der menschliche Verstand ein Ergebnis der natürlichen Selektion sei, wirke auf viele Menschen zu revolutionär - bis heute.
Für Darwin war der Unterschied zwischen unserem geistigen Potential und dem der anderen Tiere nicht grundsätzlicher, sondern nur gradueller Natur. Sensibilität und Intuition, Gefühle und Gaben wie Liebe, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Neugier, Nachahmung, Vernunft, deren der Mensch sich rühmt, finden sich auch bei Tieren.
Es mehren sich sogar Beweise, dass Tiere ein ebenso bewegtes Innenleben haben wie wir Menschen. Die neue Disziplin „Verhaltensforschung des Denkens" geht davon aus, dass Tiere genau wissen, was sie wollen und was nicht. [41]

"Ich dumm? Dass ich nicht lache!" - © iamtheking33 - Fotolia.com

Das "Kluge-Hans"-Trauma

 

Wissenschaftler nennen gern historische Gründe dafür, Beispielen tierlicher Intelligenz zu misstrauen. Um die Jahrhundertwende verblüffte das zählende Pferd Hans die Gelehrten. Hans konnte einwandfrei buchstabieren, zählen und sogar Wurzeln ziehen. Und zwar nicht nur, wenn sein Besitzer, ein deutscher Mathematiklehrer, die Fragen stellte.
Auch fremden Forschern gab Hans korrekt Auskunft. Das Pferd klopfte seine durchweg richtigen Antworten mit dem Huf auf ein niedriges Pult oder nickte mit dem Kopf. Ein Psychologe offenbarte schließlich das eigentliche Talent von Hans: Eine ans Wunderbare grenzende Beobachtungsgabe hatten ihm verraten, wie oft er mit dem Huf pochen sollte. Das Pferd nahm feinste, den Fragern unbewusste Reaktionen wahr, Kopfnicken etwa, angehaltenes Atmen oder auch nur die nachlassende Anspannung der Zuschauer, wenn es beim richtigen Klopfzeichen angelangt war.
Fortan stand für die getäuschten Wissenschaftler fest, dass Tiere eben doch nicht denken können. Und wenn es so aussehe, reagierten sie lediglich auf Hinweise ihrer Umgebung. Als ob die Beobachtungsgabe von Hans nicht auch eine geistige Leistung darstellte, die zu durchschauen eines besonders geschulten menschlichen Fachmanns bedurfte.
Aber trotzdem hat in den letzten Jahrzehnten die Verhaltensforschung unzählige Beweise für tierliche Verstandesleistungen gesammelt. Vermummt vom Scheitel bis zur Sohle, um nur ja nicht unbewusst den Tieren etwas mitzuteilen, rückten sie den Tieren auf den Pelz, um etwas von ihrem Verstand zu erforschen.

"Auch ich benutze Werkzeuge." - © Michal Adamczyk - Fotolia.com

Kultur bei Tieren


Schon vor vielen Jahrzehnten beeindruckten englische Meisen, die Milchflaschen knackten, um sich am Inhalt zu laben. Eine unbekannte Blaumeise hatte den Stanioldeckel der Flaschen aufgepickt und ruckzuck beherrschten diese Kunst alle Blaumeisen der Umgebung und sie warteten jeden Morgen auf den Lieferanten, der die Flaschen vor die Haustüren stellte. Die Makakenfrau Ibo, die ihren Genossen lehrte, Weizen vom Sand zu befreien, indem sie ihn im Wasser wusch, und ihre Kollegen, die sich von den Menschen das Thermalbaden in den heißen Quellen während des harten japanischen Winters abkuckten, wurden bereits in den Schulbüchern vor 30 Jahren erwähnt. [42]

 

Tiere gebrauchen Werkzeuge


Tiere gebrauchen Werkzeuge und stellen sogar selber welche her. Werkzeuggebrauch galt lange als eine exklusive menschliche Fähigkeit. Den Forschungsreisenden, die im Dämmerlicht des afrikanischen Dschungels erstmals Schimpansen beobachteten, wie sie mit Paranüssen unterm Arm anrückten, und in diffiziler Kleinarbeit mit durchschnittlich 33 unterschiedlich gesetzten Schlägen die härtesten Nüsse der Welt aufbrachen, muss der Kinnladen heruntergefallen sein. Weil es zum Fotografieren zu dunkel war, konnten sie keine Beweise liefern und prompt glaubte man ihnen nicht, was sie mit eigenen Augen gesehen hatten. [43]
Dabei sind nicht nur Schimpansen fähig, in einem komplizierten Verfahren mit Steinen als Hammer und Amboss die steinharten Paranüsse zu knacken oder mit Halmen nach Termiten zu angeln. Darwinfinken bereiten Kaktusstacheln zu und benutzen sie dann, um nach Larven zu stochern. Australische Laubenvögel bauen so raffinierte Lauben, dass frühere Forschungsreisende sie für Hütten von Pygmäen hielten. Dabei hatten die Tiere als Architekten Kultur und Kreativität bewiesen. [44] Werkzeuggebrauch findet sich sogar bei Fischen, Kraken und Seesternen.

Im IQ_Test teilweise besser als Menschen - Foto: segovax / pixelio.de

Tiere erinnern und vergessen wie wir

 

Tiere können einsichtig handeln und konzeptionell denken. Und sie haben erst in jüngster Zeit mit ihrem Gedächtnis brilliert: Drei Jahre lang zeigten Wissenschaftler Pavianen und Tauben unterschiedliche Bilder und stellten fest, dass sich die Tiere erstaunlich gut erinnern. Joël Fagot von der Mittelmeer-Universität in Marseille und Robert Cook von der Tufts-Universität in Medford zeigten Pavianen und Tauben verschiedene Farbbilder. Bei jedem Bild leuchtete eine Markierung rechts oder links davon auf. Wenn den Tieren die Bilder später erneut gezeigt wurden, mussten sie antworten, indem sie mit einem Hebel oder durch Picken mit dem Schnabel die Markierung auf der richtigen Seite aussuchten.

Die Tauben merkten sich 800 bis 1200 verschiedene Bilder, ehe ihr Gedächtnis an Grenzen stieß. Bei den Pavianen waren es noch deutlich mehr. Nach mehr als drei Jahren hatten sie zwischen 3500 und 5000 Bilder gespeichert. Die Wissenschaftler vermuten, dass die Paviane sich noch Tausende weitere Bilder und dazugehörige Markierungen merken könnten, hätten sie die Studie fortgeführt.

Das Erinnern und Vergessen lief bei Affen und Vögeln überraschenderweise gleich ab, berichten die Forscher. So zögerten etwa beide Tierarten, wenn sie sich an die korrekte Markierung nicht erinnern konnten, anstatt gleich eine falsche Antwort zu geben. Beide merkten sich am besten jene Bilder, die sie am Anfang des Versuchs gelernt hatten und schon lange kannten, und solche, die kürzlich gezeigt worden waren. [45]

 

Tauben übertreffen Menschen im IQ-Test

 

Tauben schneiden übrigens bei Intelligenztests, bei denen es um die Zuordnung gleicher, in sich gedrehter Muster geht, deutlich besser ab als Menschen. Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Führung der Duke University in North Carolina berichtet in einem Überblickartikel, dass sich etwa Tauben bis zu 725 verschiedene Muster einprägen können. Die Forscher verweisen auf eine japanische Studie, nach der die Vögel sogar Gemälde von Picasso und Monet unterscheiden können. Das schaffen in der Präzision allenfalls ausgesprochene Kunstkenner. [46]

 

Vögel sprechen und wissen, was sie sagen

 

Überhaupt ist man schwer beeindruckt vom Verstand vieler Vögel. Sprachforschungen mit dem Graupapageien Alex offenbarten eine enorme geistige Leistungsfähigkeit. Er versteht die Worte, die er spricht. Bisher hatte man Vögel für geistig unterbelichtet gehalten, weil ihr Kortex im Vergleich zu Säugetieren sehr klein ist. Es kommt halt nicht auf die Größe an sondern nur auf die Technik.

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© Silke Ruthenberg