Die Gefühle der Tiere

"Cogito ergo sum!" "Nein, Sohn. Das heißt: Coitus ergo sum!"
Eine reine Seele! - © Olaf Kloß - Fotolia.com

Haben Tiere eine Seele?

 

Seit Jahrtausenden fragen sich Wissenschaftler und Philosophen, ob Tiere eine Seele haben, oder anders, weltlicher, ausgedrückt: ob Tiere denken und fühlen können.
Die meisten Vertreter der Klientel sind in der Vergangenheit zum Ergebnis gekommen, dass sie es nicht können. Alles, was wir bei Tieren als Gefühle und Gedanken wahrnehmen, sei in Wirklichkeit nichts weiter als Reflex, Reaktion und Instinkt. Mit den höheren emotionalen und geistigen Leistungen des Menschen habe dies nichts gemeinsam. Jede andere Sichtweise wurde mit dem Totschlagargument abgetan, sie sei „vermenschlichend".

 

Vermenschlichung ist die Blasphemie der Naturwissenschaft. So etwas kann sich kein Wissenschaftler leisten, wenn er noch was vorhat in seinem Leben. Die meisten Forscher wissen zwar insgeheim durchaus um die Gefühle und Gedanken der Tiere, würden dies jedoch offiziell nie zugeben, weil sie in Fachkreisen damit erledigt wären.
Alles in allem ist diese Blickrichtung für uns Menschen eine sehr bequeme und nützliche Weltsicht. Mitgefühl mit Schlacht- und Versuchstieren können wir uns damit sparen. Die Gefühle der Tiere zu leugnen, schont unser Gewissen. Gemeinsamkeiten zu leugnen und auf Unterschieden herumzureiten schafft Distanz. Mit dieser Weltsicht entlassen wir uns selbst aus der Verantwortung.


Doch endlich tut sich was. Langsam aber unaufhaltsam wächst die Zahl der Forscher, die akzeptieren, dass Tiere in ihren Empfindungen ungemein menschlich sind und sich vor allem trauen, darüber zu berichten. 
Immer mehr ernstzunehmende Naturwissenschaftler und Philosophen haben den Mut, von der eingefahrenen Position abzurücken und regen an, die Position des Menschen zu allen anderen Tieren neu zu überdenken. Das Bild vom Tier wandelt sich. Amerikanische Historiker sehen bereits ein begonnenes "Jahrhundert der Tiere". 


Tatsächlich hat die Verhaltensforschung in den letzten Jahrzehnten unzählige Beweise für tierliche Verstandesleistungen und komplexe Gefühle gesammelt, die nach Ansicht einer wachsenden Zahl von Wissenschaftlern nur eine Schlussfolgerung zulassen: Geist und Gefühlsleben der Menschen unterscheiden sich nicht grundsätzlich von dem der anderen Tiere!

Stets verhöhnt und doch so ähnlich: Schimpansen © jf Lefèvre - Fotolia.com

Machanismen der Abwehr

 

Freilich lässt der Widerstand da nicht lange auf sich warten. Zu sehr zieht der Mensch sein Selbstbewusstsein aus seiner eingebildeten grundsätzlichen Andersartigkeit zum Tier. An den vermeintlichen Unterschieden hat die ganze abendländische Philosophie das Sein des Menschen festgemacht. Nun fühlen wir uns in unserem Ego bedroht, wenn wir erfahren müssen, dass die Kluft zwischen unserer Art und allen anderen Arten, auf die wir so stolz waren, doch nur ein Hirngespinst ist. 

 

Und so schließt mensch nun messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Da entblödet sich 2007 auch der ehemalige Landwirtschaftsminister Funke bei Menschen bei Maischberger, seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse über Intelligenz und Gefühle bei Tieren mit einem Handstreich als billige Schaustellertricks abzuwerten. Der Mann war in seiner kurzen Amtszeit zuständig für den Tierschutz und hätte es deshalb eigentlich besser wissen müssen. Aber er ist eben in erster Linie Rinderzüchter und Jäger. Da ist es ratsam fürs eigene psychische Gleichgewicht, sich hinter Kalauern zu verschanzen. Gewissen ist machbar.

 

Sich über die anderen Tiere zu erheben hat dabei viele Gesichter. Bis heute finden viele Menschen es veispielsweise umwerfend komisch, Tiere zu beobachten, die sich - qua Weisung - die größte Mühe geben, wie wir zu sein, ohne dass es ihnen gelingt. Ganz besonders, wenn es sich um unsere nächsten Verwandten handelt. So kann man sich bestens erheben.

Was seit dem 19. Jahrhundert sogenannte Affentischgesellschaften dem Publikum boten, leisten heute Unterhaltungssendungen mit Schimpansen als komischen Helden. Der weltbekannte britische Zoologe, Verhaltensforscher und Bestsellerautor Desmond Morris („Der nackte Affe") kann uns zu dieser menschlichen Eigenart eine sehr anschauliche Geschichte erzählen: „Gegen Ende der zwanziger Jahre begann der Londoner Zoo, diese Vorführungen (Affentischgesellschaften. Anm.d.A.) als ständiges Programm zu organisieren.
Jeden Nachmittag zu einer festgesetzten Zeit führte sich eine Gruppe junger Schimpansen wie eine Tischgesellschaft auf. Man hatte sie darauf abgerichtet, Schüsseln, Teller, Löffel, Tassen und eine große Teekanne zu benutzen. Für das Schimpansengehirn war das Erlernen des Umgangs mit diesen Gegenständen vor einem Publikum keine anspruchsvolle Aufgabe. Eine Zeitlang bestand die Gefahr, dass ihre Tischmanieren zu formvollendet würden. Um die Vorführung nicht zu eintönig werden zu lassen, mussten die Tiere in bestimmten Abständen darauf dressiert werden, sich „daneben zu benehmen". Auch das schafften sie mühelos, und ihr Timing wurde so perfekt, dass sie die Tassen stets genau in dem Augenblick in die Kanne stopften und den Tee aus der Tülle tranken, in dem der Wärter ihnen den Rücken zudreht." [3]

 

Die Frage nun lautet: sind die anderen Tiere wirklich so tumb und grob, wie behauptet? Ist Rücksichtnahme gegenüber den Tieren damit eine sentimentale Gefühlswallung oder begründet sie sich auf wissenschaftlich verifizierte Erkenntnisse über das Innenleben von Lebewesen, die Veganer mit ihrer Lebensweise vor Unrecht beschützen möchten?

"Auch ich fühle den Schmerz" - Garnele © Ivan Floriani - Fotolia.com

Die Sache mit dem Schmerz

 

Es zieht sich durch die ganze Geschichte der Menschheit, dass dominante Gruppen den von ihnen unterdrückten Individuen Leidens- und Schmerzempfinden abgesprochen haben. Eines Tages stand man dann staunend und mehr oder weniger erschüttert vor dem Umstand, dass Empfindungsfähigkeit sich halt nicht mit dem Grad an Macht entwickelt.

 

Es ist beinahe unglaublich: bis 1980 hat man Operationen an menschlichen Säuglingen mit ruhigstellenden, aber nicht mit betäubenden Mittel durchgeführt. Man nahm an, dass das Nervensystem von Kleinkindern noch zu unausgereift ist, um Schmerzen zu verspüren. [4] Die Minderreagibilität des Menschen gegenüber seinen eigenen Artgenossen wie gegenüber den anderen Arten ist einfach ein Kontinuum seiner Geschichte.

 
Was also geht in den machtlosen Tieren so ab an Weh und Ach? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich erstmal klar machen, dass zum Reich der Tiere Lebewesen von außerordentlich verschiedener Art gezählt werden. Mikroskopisch kleine einzellige Arten wie die Amöben zählt man ebenso dazu wie hochkomplizierte Vögel und Säugetiere. Die Kategorie "Tier" ist bei der Frage von Leidensfähigkeit her weniger hilfreich. 


Dass die meisten Tierarten Schmerzen empfinden können wird heute nicht mehr bestritten. Die Naturwissenschaft bietet hier sowohl verhaltensbiologische als auch neurophysiologische Argumente an.
Schmerz ist eine Empfindung des bewussten Lebens. Er ist von existentiell wichtiger Bedeutung für das Leben und Überleben und dies in zweierlei Hinsicht. Schmerz hat eine Alarmfunktion. Das Schmerzgefühl signalisiert: Achtung, Körperdefekt! Und der Leidende wird alles tun, die Ursache des Schmerzes abzustellen. Schmerz ist ein Instrument der Vorbeugung. Was uns einmal Schmerzen bereitet und damit geschadet hat, werden wir künftig meiden. [5]

 

Um bewusst Schmerz zu empfinden, muss einerseits ein ausreichend komplexes Nervensystem vorhanden sein. Eine Voraussetzung ist das Vorhandensein von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) und die ungestörte Weiterleitung an das Zentralnervensystem (ZNS). Der Teil des Gehirns, der mit Schmerzempfindung, oder allgemeiner, mit Bewusstseinsbildung verbunden wird, ist die Großhirnrinde. Tiere, die über eine Großhirnrinde verfügen, empfinden Schmerzen.
Dies ist auf jeden Fall bei den Wirbeltieren so, zu denen die Säugetiere und Vögel ebenso zählen, wie Fische, Kriechtiere und Lurche.

 

Das Nervensystem der sogenannten Niederen Tiere, der Weichtiere und Insekten unterscheidet sich grundsätzlich von dem der Wirbeltiere. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie deshalb keinen Schmerz empfinden können.

Viele Niedere Tierarten - Einzeller, Schwämme, Krallen und Quallen - haben tatsächlich kein Nervensystem und allenfalls vereinzelte Nervenzellen, die physiologisch eine Schmerzverarbeitung nicht möglich machen.

Würmer haben ein ganz einfaches Nervensystem, das möglicherweise nur für einfache unbewusste Reflexe ausreicht, aber nicht für ein Schmerzempfinden.
Eine kürzlich durchgeführte norwegische Studie zur Frage, ob der Wurm am Angelhaken Schmerzen empfindet, verneint: Der Wurm zappelt vermutlich wegen angeborener Reflexe, nicht vor Schmerz. Irrtum aber nicht ausgeschlossen. [6|
Da Würmer aber zumindest hierzulande nicht der Ernährung des Menschen dienen - von Nematoden im Fischfleisch mal abgesehen -, muss diese Frage hier auch nicht weiter vertieft werden.

 

Bei den Schalentieren, die mit den Spinnen verwandt sind und als Niedere Tiere kategorisiert sind, ist das Nervensystem noch so komplex, dass es höchstwahrscheinlich zur Schmerzempfindung befähigt. Sie zeigen auch ein Verhalten bei einem Schmerzreiz, der Anlass zur Annahme gibt, dass sie Schmerzen empfinden können. Die Frage wird derzeit noch kontrovers diskutiert, aber die Forschung ist nahezu sicher, dass Hummer und Krebse Schmerzen empfinden können. Der Zoologe für Wirbellose, Dr. Jaren G. Horsley, ist sogar der Ansicht, dass beispielsweise Hummer möglicherweise stärkeren Schmerz empfinden als wir: „Ein Hummer verfügt nicht über ein autonomes Nervensystem, das ihn in einen Schockzustand versetzt, wenn er verletzt wird. Der Hummer leidet daher enorme Qualen, wenn man ihn aufschneidet. Er empfindet Schmerz, bis sein Nervensystem beim Kochen zerstört wird." Der Todeskampf im siedenden Wasser dauert 3 bis 5 Minuten. [7] Die Provinz Emilia in Italien hat jedenfalls das Kochen lebender Hummer unter Strafe gestellt. Auch Neuseeland, zwei Staaten in Australien, Schottland, England und Norwegen lehnen das Lebendkochen von Hummer inzwischen ab und planen einen dementsprechenden Gesetzesentwurf wie Österreich, das Hummer seit dem 1. Januar 2005 mit Wirbeltieren gleichstellt.

 

Noch schwerer tut sich die Wissenschaft mit Insekten! Mücken fliegen ins Kerzenlicht, sie zeigen kein verändertes Verhalten, wenn sie beispielsweise ein oder mehrere Beine verlieren, Bienen saugen Nektar, auch wenn ihnen der Hinterleib abgeschnitten wurde. Dies sind Indizien, wenn auch keine Beweise dafür, dass (diese) Insekten möglicherweise keinen Schmerz empfinden. Aber wie ist es dann zu erklären, dass Fruchtfliegen schmerzhafte Elektroschocks meiden, wenn sie durch einen bestimmten Duft vorher gewarnt wurden? Das jedenfalls berichten Forscher von der Uni Würzburg in der neuen Ausgabe der Zeitschrift „Nature". [8] 
In einer Versuchsanordnung wurden einige der Insekten erst mit einem Duft konfrontiert und dann mit einem leichten Elektroschock bestraft. Hatten sie diese Prozedur mehrmals durchlaufen, gingen sie dem Schmerz verheißenden Geruch zielstrebig aus dem Weg. Und das ganze funktioniert auch umgekehrt: Wenn man die kleinen Insekten bestraft und sie gleich danach einen bestimmten Duft riechen lässt, dann stufen sie genau diesen Geruch später als positiv ein.

Schmetterlinge können sich sogar daran erinnern, was sie als Raupe erlebt haben.


Bei Muscheln, die zu den Weichtieren zählen, ist das Nervensystem so rudimentär, dass sie möglicherweise bewusst keinen Schmerz empfinden können. Allerdings hatten schon 1993 hatte eine italienische Arbeitsgruppe um G.B. Stefano davon berichtet, dass viele Körperbereiche der Miesmuschel Mytilus edulis hormonartige, schmerzlindernde Stoffe erkennen. Genauer gesagt: Ist die Muschel und deren Immunsystem gestresst, so findet man in ihr wenige freie Anti-Stress-Moleküle. Ist sie hingegen entspannt, so steigt der Spiegel dieser Substanzen. Dies könnte darauf hindeuten, dass zu Notzeiten alle schmerzstillenden Anti-Stress-Faktoren gebunden und damit wirksam werden. Die untersuchten Stoffe sind nicht irgendwelche Substanzen, sondern sogenannte Endorphine. Endorphine stammen aus derselben Chemikaliengruppe wie die Schmerzstiller Heroin und Morphium: sie alle sind Morphine.
Der menschliche Körper verfügt über ähnliche Stoffe, die er zur Linderung ausschüttet, wenn Stress und Schmerz heranrücken. Stefano und Mitarbeiter haben in den vergangenen Jahren immer mehr Hinweise darauf gefunden, dass sich Muschel und Mensch in hormoneller Hinsicht teilweise ähneln. „Kurz gesagt", schreiben die Nervenforscher, „zeigen unsere Versuche, dass Morphin auf Zellen eines wirbellosen Tieres [dieselben Auswirkungen] hat wie auf Menschen, obwohl sich beide seit 500 Millionen Jahren auf verschiedenen Zweigen der Evolution weiterentwickeln". [9]


Zu den Weichtieren zählen neben den Muscheln auch andere Tiere, die mit gutem Appetit gegessen werden: Schnecken und Tintenfische. Bei letzteren ist es unumstritten, dass sie Schmerzen empfinden können. Sie haben wie Hummer sogar ein sehr differenziertes Nervensystem. [10] Ihre Intelligenz und bemerkenswerte Kommunikationsstrukturen verblüffen schon lange die Wissenschaft. Im Hirn vom Oktopus gehts ab.


Schnecken hingegen gelten nicht gerade als Intelligenzbestien, aber ihre Gedächtnisleistung reichte immerhin aus, dem österreichischen Neurobiologen Eric Kandel im Jahr 2000 den Nobelpreis einzubringen.
Kandels Kollegen zweifelten am Verstand des Wissenschaftlers, als dieser die Mechanismen von Lernen und Gedächtnis ausgerechnet an der Meeresschnecke Aplysia erforschen wollte.
Aplysia besitzt bereits ein Kurz- und ein Langzeitgedächtnis.

Erhält sie nur eine Trainingseinheit, vergisst sie das Erlernte bereits nach einer Viertelstunde. Büffelt Aplysia jedoch über 4 Tage, auf einen bestimmten Reiz hin ihren Sipho einzuziehen, dann bleibt die Erinnerung wochenlang gespeichert. Wo aber Lernen und Gedächtnis zu Hause sind, da macht Schmerz bereits Sinn.

 

Leiden und Bewusstsein

 

Wir können freilich den Schmerz eines anderen Wesens, ob Mensch oder Maus, niemals direkt erfahren. Wir schließen es aus dem Verhalten, dass unsere Mitmenschen und Mittiere Schmerzen empfinden. Je größer die Ausdrucksmöglichkeiten eines Tieres, um so schwer fällt es, seinen Schmerz zu ignorieren und wegzureden. Und je weiter Tiere entwicklungsgeschichtlich entfernt sind, um so schwerer fällt die Beantwortung der Frage, ob sie leiden.
Vielleicht werden sich viele wirbellose Tiere wegen ihrer einfachen Hirnstruktur keines Schmerzes bewusst.
Doch auch das ist nicht unumstritten. Nach Ansicht des Berliner Neurobiologen Menzel ist Schmerz nicht abhängig vom Bewusstsein oder von der stammesgeschichtlichen Entwicklungsstufe. Für Menzel hat Schmerzempfinden etwas mit Identifikation zu tun. „Wenn Tiere sich als Individuum erfahren, dann können sie auch eine emotionale Komponente entwickeln – so etwas wie Schmerz", sagt Menzel. [11]
Jedenfalls: auch wenn wir bei den Wirbeltieren nicht sicher sein können, inwieweit sie leidensfähig sind, können wir bei Rindern, Schweinen, Hühnern und Fischen, die uns in der Hauptsache zur Nahrung dienen, ganz sicher sein. Und dass sie leiden müssen, wenn sie zu einem Leben und Sterben in unseren Ställen und Schlachthöfen gezwungen werden.

"Ich hab so Kopfprobleme." - © Michal Adamczyk - Fotolia.com

 Und noch mehr Gefühle

 

Und auch die vielen anderen Gefühle, die uns für sinnvolles Verhalten „belohnen" und schädliches Verhalten „bestrafen", sind ganz und gar keine exklusiv menschliche Angelegenheit. Es gibt unzählige Indizien dafür, dass zumindest „höhere" Tiere auch „höhere" Gefühle empfinden können. Trauer und Eifersucht, Wut und Einsamkeit quälen auch Tiere. Sie können depressiv werden. Andererseits kennen sie auch das Gefühl der Hoffnung, der Liebe, des Glücks und der Freude. Auch das beileibe keine reine Menschenangelegenheit.

 

Gefühle brechen seit einigen Jahren wie eine Welle über die Biologie. Viele Wissenschaftler sprechen sogar über eine Revolution im Tierbild. Noch vor 10 Jahren war sich die Forschung sicher, dass nicht Emotionen die Tiere steuern, sondern Instinkte - ähnlich den Programmen bei Computern.
Heute lautet die Frage nicht mehr: fühlen Tiere, sondern: was fühlen sie genau? „Naturwissenschaftlich gesehen haben Tiere eindeutig Gefühle. Wir streiten nur noch, wie sie genau aussehen", so Jörg-Peter Ewert, Professor für Zoologie und Neurobiologie in Kassel. [12]

Seelenqualen sind dabei offensichtlich nicht nur eine Angelegenheit von Wirbeltieren. und die können ganz schön komplex sein.

 

Des Kraken Kopfprobleme

 

Kraken beispielsweise sind alles andere als dumm oder gefühllos. Wie menschlich ihr Gefühlsleben ist, demonstrierte ein Krake den Wissenschaftlern der Meeresstation von Banuyls: Er hatte sich schon dreimal schier die Zähne an einem Einsiedlerkrebs ausgebissen. Der Krebs war zu geschickt: Bei Gefahr zog er sich in sein Schneckenhaus zurück, schirmte den Eingang mit den gepanzerten Scheren ab und war einfach nicht herauszubekommen. Jedesmal musste der Oktopus das Gehäuse wieder freigeben und unverrichteter Dinge abziehen.
Der Einsiedlerkrebs dagegen war nach kurzer Zeit wieder munter und spazierte provozierend am Höhleneingang des Oktopus vorbei. Und Oktopus ließ sich provozieren und das Spiel wiederholte sich.
Irgendwann war die Geduld des Kraken aber erschöpft. Er schleppte kurzerhand einen grossen Stein heran und platzierte ihn als Sichtschutz zwischen sich und die Lockspeise. Aus den Augen, aus dem Sinn! Diese Tantalusqualen musste er sich nun wirklich nicht länger antun. Oktopus hatte seine innere Ruhe gefunden. [13]

 

In diesen Zusammenhang gehört vielleicht auch die Geschichte des kleinen Kraken Charles. Zusammen mit Albert und Bertram, zwei weiteren Tintenfischen, wurde er darauf trainiert, einen Schalter zu betätigen, um ein Licht anzumachen, und dann auf das Licht zuzuschwimmen, was eine Belohnung in Form eines Stück Fischfleisches einbrachte. Auch Charles schien erstmal lernwillig zu sein, doch irgendwann platzte ihm die Hutschnur. Er saugte sich an einer Wand des Aquariums fest und zog so stark an dem Hebel, dass er abbrach. Und anstatt auf das Licht zu warten, um sein Stückchen Fisch entgegenzunehmen, griff er nach der Lampe und zog sie ins Wasser. Schließlich tauchte er auf, linste über dem Wasserspiegel den Versuchsleiter an ....und spritzte ihn gezielt mit eine Ladung Wasser an. Womöglich führte sich Charles bei diesen Forschungsspielchen - rundheraus gesagt - veräppelt. Wäre ja nachzuvollziehen. In Erstaunen versetzt da eher die Äußerung des Versuchsleiters zu diesem Vorfall. Er bemerkte pikiert: „Die Variablen, welche die Bedienung und dann das verstärkte Bedienen des Mechanismus und das Wasserspritzen bei diesem Tier bewirkten, ließen sich nicht erkennen." [14] Man möchte geradewegs entgegnen: Die Variablen, die den Versuchsleiter uneinsichtig und eingeschnappt auf die kleine Rache des Tintenfisches reagieren ließen, sind hingegen offensichtlich.

Trauer tut weh. © Foto: Bernd Boscolo/ pixelio

Trauer im Tierreich

 

Anekdoten über trauernde Hunde sind allgemein bekannt. Hunde sind ja die besten Freunde des Menschen und sie haben sich über die Jahrtausende des engen Zusammenlebens aneinander so gewöhnt, dass sie die jeweils andere Sprache lesen und verstehen können. Auch die Menschenaffen werden gemeinhin nicht mehr völlig grundlegend unterschätzt. Jane Goodell erzählt uns die berührende Geschichte des Schimpansen Flint, der aus Trauer um seine tote Mutter starb. Goodall hat es mit eigenen Augen gesehen. Schimpansen sind die engsten Verwandten. Doch geht das Gefühl von Trauer über Freunde und enge Verwandte hinaus?

 

Offensichtlich. Und das Gefühl der Trauer kennen offenbar nicht nur Säugetiere: In den Rocky Mountains beobachtete der Biologe Marcy Cottrell Houle das Nest zweier Wanderfalken, die er Arthur und Jenny genannt hatte, und die mit der Aufzucht von fünf Jungvögeln beschäftigt waren. Eines Morgens kam nur der männliche Falke zum Nest zurück. Jenny blieb aus, und das Verhalten von Arthur änderte sich schlagartig. Wenn er Futter brachte, wartete er bis zu einer Stunde am Nest bis er sich wieder zur Nahrungssuche entfernte - ein Verhalten, das er vorher nie an den Tag gelegt hatte. Er stieß hin und wieder seinen Ruf aus und wartete auf die Antwort seiner Gefährtin. Oder er schaute ins Nest und rief quasi rufend hinein.

Am Abend des dritten Tages stieß Arthur, am Nest sitzend, einen befremdlichen Ton aus, „einen Schrei wie das Aufheulen eines verwundeten Tieres, den Schrei der leidenden Kreatur." Der schockierte Houle schrieb: „Die Trauer in diesem Aufschrei war nicht zu verkennen; nachdem ich diese Erfahrung gemacht habe, zweifle ich nicht mehr daran, dass ein Tier Empfindungen haben kann, die wir gerne für uns Menschen reservieren würden." Nach diesem Schrei saß Arthur bewegungslos auf dem Felsen und rührte sich während des ganzen Tages nicht.
Am fünften Tag nach Jennys Verschwinden (sie war wahrscheinlich erschossen worden) versuchte er das Versäumte durch Überaktivität wiedergutzumachen und übertraf an Fürsorge und Aktivität alle Falken, die Houle je beobachtet hatte Trotzdem verhungerten drei der Jungvögel, doch zwei seiner Kinder erlernten unter der aufopferungsvollen Pflege des alleinerziehenden Vaters erfolgreich das Fliegen. [15]


Falken essen wir nicht. Aber Gänse. Konrad Lorenz beschreibt die traurige Geschichte von Ado und Susanne-Elisabeth, die ein liebendes Gänse-Paar waren: „Susanne-Elisabeth fiel einem Fuchs zu Opfer und Ado verharrte tagelang neben ihrem Nest, in dem ihr angefressener Leichnam lag. In gekrümmter Stallung stand er so da und ließ seinen Kopf hängen. Seine Augen fielen ein. Sein Status in der Schar der Gänse sank dramatisch, weil er nicht die Kraft hatte, sich gegen die Angriffe anderer Gänse zu verteidigen (...) Ein Jahr später hatte sich Ado wieder gefangen und verliebte sich wieder." [16] Wir begreifen: Gänse kennen das Trauerjahr, das uns selbst so vertraut ist.

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© Silke Ruthenberg