"Ich fühle Mitleid" - © Dave Gordon - Fotolia.com

Mitgefühl und Mitleid bei Tieren

 

Tiere können Mitleid empfinden und uneigennützig handeln und dies sogar artübergreifend. Wissenschaftliche Untersuchungen und zahllose rührende Anekdoten erzählen davon.

So beobachteten Forscher während der Regenzeit in Kenia eine schwarze Spitzmaulnashorn-Mutter und ihr Junges an einer Lichtung, auf der man Salz ausgestreut hatte, um Tiere anzulocken. Nachdem die Tiere etwas von dem Salz geleckt hatten, ging die Mutter weiter, doch ihr Junges war im tiefen Schlamm steckengeblieben. Es begann zu schreien, seine Mutter kehrte zurück, beschnüffelte und untersuchte es und zog sich daraufhin zurück in den Wald. Das Kalb fing wieder zu schreien an, die Mutter kehrte zurück und zeigte sich so hilflos wie zuvor.
Eine Elefantengruppe erreichte die Salzlecke. Die Nashornmutter griff den Leitbullen an, der auswich und zu einer anderen, dreißig Meter entfernten Salzlecke ging. Beruhigt kehrte die Nashornmutter zur Nahrungssuche in den Wald zurück.
Ein ausgewachsener Elefant mit langen Stoßzähnen näherte sich dem Kalb und betastete es mit seinem Rüssel. Dann kniete der Elefant nieder und versuchte, seine Stoßzähne unter das Kälbchen zu schieben und es herauszuziehen. Als er das tat, kam die Mutter aus dem Wald angeschossen, so dass der Elefant zurückwich und zu der anderen Salzlecke zurückging. Über mehrere Stunden versuchte der Elefant immer dann, wenn die Rhinozerosmutter in den Wald zurückgekehrt war, das Kalb aus dem Schlamm zu ziehen, doch jedesmal eilte die Mutter herbei, um ihr Kind zu beschützen.
Schließlich gab der Elefant auf und zog mit seiner Herde weiter. Das Happy End trotz des falschen Mißtrauens der Nashornmama sollte erzählt werden: Am nächsten Morgen gelang es dem Kalb, sich mit eigener Kraft aus dem angetrockneten Lehm zu befreien und zu seiner wartenden Mutter zu eilen. [17]

 

Weltweite Aufmerksamkeit löste erst kürzlich eine Gruppe äthiopischer Löwen aus, als sie ein zwölfjähriges Menschenmädchen aus den Fängen ihrer Entführer befreiten und solange beschützten, bis die Polizei gekommen war. Die Männer hatten das Kind sieben Tage lang festgehalten, dann kamen die Löwen dem Mädchen zur Hilfe und verjagten die Entführer. Medienberichten zufolge passten die Tiere anschließend auf das Mädchen auf, bis die Polizei kam. Das Kind sei von seinen Entführern wiederholt geschlagen worden, sagte ein Polizeisprecher. „Die Löwen haben sie bewacht und sie dann einfach wie ein Geschenk zurückgelassen." Wenn die Tiere nicht gekommen wären, hätten die Männer das Mädchen wahrscheinlich vergewaltigt und zwangsverheiratet, hieß es weiter. „Alle glauben, es ist ein Wunder, weil die Löwen normalerweise Menschen angreifen", so der Sprecher. Biologen erklärten, wahrscheinlich habe das Weinen des Mädchens für die Löwen wie das Schreien eines Löwenbabys geklungen. [18]

 

Ähnlich beschränkt reagierten ein paar studierte Schlaumeier, als am 16. August 1996 eine Gorillafrau im Chicagoer Brookfield-Zoo einem dreijährigen Jungen zu Hilfe eilte, der sechs Meter tief in das Primatengehege gestürzt war.
Die Bevölkerung war von Socken vor Begeisterung, während besagte Wissenschaftler von einem „verwirrten Mutterinstinkt" fabulierten. Wie in aller Welt, schreibt der weltbekannte Verhaltensforscher Frans de Waal dazu, sollte ein so hochintelligentes Tier einen blonden kleinen Jungen in Turnschuhen und einem roten T-Shirt für einen kleinen Gorilla halten? Eigentlich sei wirklich Erstaunliche an der Sache, wie überrascht die meisten Menschen über die mütterliche Geste der Gorillafrau waren. [19] Genauso fragwürdig, dass Löwen nicht in der Lage sind, ihre eigenen Babys von einem 12jährigen Menschenmädchen zu unterscheiden.

Dabei ist es etwas völlig normales, dass Tiere, auch „wilde Bestien", ein Verhalten an den Tag legen, dass wir bei Menschen als mitfühlend bezeichnen würden. Und dass sie dieses Verhalten auch gegenüber anderen Arten an den Tag legen.

 

Und das war schon immer so. Aus dem Zoo Schönbrunn berichten Besucher im Jahre 1806: „Der bengalische Tiger wird normalerweise mit Schlachtfleisch gefüttert, aber wenn er seine Krankheit hat (eine Art Augenentzündung), gibt man ihm lebende Jungtiere, deren warmes Blut heilend wirkt. Vor ein paar Wochen warf man ihm einen jungen Metzgerhund hin... als der Hund sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, näherte er sich dem Tiger und leckte ihm die Augen, was dem Tiger so wohl tat, dass er seine Gier nach frischem Fleisch vergaß und den Hund nicht nur verschonte, sondern ihn aus Dankbarkeit zärtlich liebkoste ... von diesem Moment leben die Tiere in inniger Vertrautheit zusammen, und der Tiger wartet stets, bis sein Gefährt sich an den besten Bissen gelabt hat, eher er seine Nahrung anrührt." [20]

 

Eine ähnliche Geschichte erzählt uns Plutarch: „Ein Tiger, dem man ein junges Zicklein gegeben hatte, fastete zwei Tage lang, ohne dasselbe anzurühren; am dritten Tag, als der Hunger übermächtig wurde, verlangte er so ungestüm nach Nahrung, dass er den Käfig zerbrach, in dem er eingesperrt war: Das Zicklein rührte er auch jetzt nicht an." [21]

 

Dem Mitgefühl der Tiere rücken die Forscher seit vielen Jahren auf die Pelle.
Rhesusaffen sollen unintelligent und aggressiv sein, behauptete die Wissenschaft. Immerhin könnten die Sadisten im Labor in Sachen Mitgefühl einiges von diesen unterentwickelten Affen lernen: Bei Laborversuchen verhielten sie sich deutlich einfühlsamer als die menschlichen Versuchsleiter. Jedes Mal, wenn sich ein Versuchsaffe per Tastendruck Futter bestellte, wurde ein zweiter Affe mit Elektroschocks malträtiert - und zwar so, dass es der erste mitbekam. Das Ergebnis: Die Affen hungerten lieber, als ihre Artgenossen leiden zu sehen. Nachdem die Affen zwölf Tage nichts gegessen hatten, wurde das Experiment abgebrochen. [22]

 

Ganz anders endeten - nebenbei bemerkt - die berühmten Milgram-Versuche mit menschlichen Testpersonen: Bei dieser Versuchsanordnung hatte man Probanden weisgemacht, an einem Forschungsexperiment über Lernen und Bestrafung als Assistent zu fungieren. Sie hatten vermeintlichen Versuchspersonen im Nebenzimmer ansteigende Elektroschocks zu verpassen, wenn sie Fragen falsch beantworteten. Die Probanden folterten gehorsam. Mehr als 62% waren bereit, sogar vermeintlich tödliche Elektroschocks zu verpassen, wenn der Professor es angewiesen hatte. Noch nicht mal die (vergeblichen) Schmerzensschreie von nebenan hielten sie ab. [23]
Man konnte zwar nachweisen, dass das Verhalten der Probanden wenig mit einer Lust am Quälen und viel mit Obrigkeitshörigkeit zu tun hat. Aber warum sollte der innere Druck, gehorchen zu müssen, soviel stärker sein als die Qual des Hungerns?


Im übrigen: auch Ratten stellen sich quer, wenn sie dazu getrieben werden sollten, ihre Artgenossen mit Elektroschocks zu piesacken. Und bei Mäusen und Hühnern hat man das Mitgefühl sogar gemessen.

"Soziale Verantwortung ist uns nicht fremd." - Foto: © Alexander Spörr - Fotolia.com

Mitgefühl bei "Nutztieren"

 

Und wie ist es bei den sogenannten Nutztieren? Dr. Arthur Peterson, ein amerikanischen Wissenschaftler, kann uns dazu eine beeindruckende Geschichte erzählen:
Vor einigen Jahren schon beobachtete der Forscher merkwürdige Verhaltensweisen von Enten, die am See auf dem Grundstück seiner Eltern lebten. Fasziniert beobachtet er, dass sich eine männliche Ente, die er John nannte, sich unentwegt um eine weibliche Ente, Mary, kümmerte. Es war keine Balzzeit, so dass keine offensichtliche Erklärung für dieses Verhalten vorlag. Eines Tages sah Peterson, dass John Mary für einen Moment alleine gelassen hatte. Auf diesen Moment hatte er lange gewartet. Er lief hin und fing Mary mit einem Netz ein, um sie zu untersuchen. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass Mary völlig blind war. Gerührt ließ Dr. Peterson Mary wieder frei. Unmittelbar danach kam John zurück und lief sofort zu Mary. Die sehende Ente quakte mehrmals, um Mary zu beruhigen, und führte sie dann fort. John war eine Blindenente. [24]

Der einzige Sohn und Erbe des weltgrößten Speiseeisherstellers Baskin-Robbins, John Robbins, berichtet von einem Gespräch mit einem Schweinemäster, der in seinem Massentierhaltungsbetrieb die Schweine in drei Stockwerken in körperengen Käfigen hielt. Der Mann erzählte ihm unter Tränen eine Geschichte aus seiner Kindheit auf einer Farm in Missouri. Als er in einem kleinen See auf der Farm gerade schwimmen lernen wollte, ist ihn einer seiner Hunde immer auf den Rücken gesprungen. Da zeigte einer seiner anderen Freunde, ein Hausschwein, dass er die Situation verstanden hatte. Es sprang in den See und eilte seinem menschlichen Freund zu Hilfe, indem es den Hund davon abhielt, ihn aufs Neue anzuspringen. Später wurde das Kind von seinem Vater vor die Wahl gestellt: „Entweder schlachtest Du dieses Tier oder du bist nicht länger mein Sohn." „Also habe ich es getan", erzählte der Schweinemäster weinend. [25] Wer will hier eine Entscheidung treffen, wer mit dem kleinen Jungen aus Missouri gefühlvoller umgegangen ist: das Schwein oder der eigene Vater?

"Ich bin voller Mutterliebe." - © Oliver Weber - Fotolia.com

Und sie lieben auch

 

Viele Berichte werden über die innige Liebe zwischen Kühen und ihren Kälbchen erzählt. Sie ist sogar gerichtsbekannt. Am 6. Juli 1953 wurde der kalifornische Rinderzüchter Mike Perkins angeklagt, von der Farm seines Nachbarn ein Kalb gestohlen zu haben. Man warf ihm vor, das Kalb mit seinem eigenen Brandzeichen markiert zu haben, um den Diebstahl zu verschleiern. Perkins bestritt.
Daraufhin ließ der Richter von Perkins Farm alle Kälber herbeiholen, die etwa so alt waren wie das vermeintlich gestohlene Tier. Dann ließ er auch die Mutterkuh des verschwundenen Kälbchens holen. Als die Mutterkuh eintraf, begann sie laut zu rufen und bahnte sich ihren Weg zu den jungen Kälbchen im Gehege. Als sie die Kälber erreichte, machte sie eine unmissverständliche Aussage: sie lief direkt auf eines der Kälber zu und fing an, es immer wieder an der Hüfte abzulecken. Genau an der Stelle, an der sich Perkins´ Brandzeichen „P" befand. Perkins wurde verurteilt. [26]

Bei Säugetieren ist die Liebe zwischen Mutter und Kind die innigste und stabilste Beziehung überhaupt. Der renommierte und weltbekannte Zellbiologe Rupert Sheldrake („Das Gedächtnis der Natur") hat sich sogar die Mühe gemacht, Geschichten wie diese auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Sie stimmt: Im englischen Devon wurde die Kuh Blackie und ihr Kälbchen an unterschiedliche Bauern versteigert. Kaum stand Blackie am Abend auf ihrer neuen Weide, hielt sie nichts mehr. Mit einem Satz über die Hecke riss sie aus. Am nächsten Morgen fand man sie zehn Kilometer entfernt wieder, bei ihrem Kälbchen. Seelenruhig säugte sie ihr Kleines. [27]

Die Liebe der Tiere überschreitet auch Artgrenzen: Weil die Gorilladame Koko aus einem amerikanischen Sprachforschungsinstitut keine Babys bekommen konnte und darüber sehr unglücklich war, schenkte man ihr das kleine Kätzchen „All Ball", das Koko über alles liebte. Leider kam es bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Koko trauerte intensiv. Wenn man sie nach dem Tod des Kätzchen fragte: „Willst Du über Dein Kätzchen reden?" machte Koko das Zeichen für „weinen". Noch nach Jahren zeigte sie ihren Kummer.

Ein Jahr nach dem verheerenden Tsunami im Indischen Ozean hält ein junges Nilpferd an seiner Liebe fest: einer 130 Jahre alten Schildkröte. «Owen», das Nilpferd, hatte mit seiner Familie am Ufer des Sabakis gelebt, als die riesigen Wellen ihn auf das Meer hinaus trugen und er schließlich auf einem Riff strandete. Bewohner des Küstenortes Malindi brachten das Nilpferd im Naturschutzpark Haller unter. Dort traf «Owen» auf die Schildkröte «Mzee» und betrachtete ihn fortan als neue Familie. Seitdem ist das ungleiche Paar unzertrennlich. [28]

 

Und sie lieben auch gleichgeschlechtlich

 

Apropos Liebe. Einen geradezu sensationellen Sinnenswandel vollzog die Wissenschaft auch beim Thema Sex und Tiere. Ganz selbstverständlich ging man davon aus, dass Tiere es nur der Arterhaltung wegen tun. Noch 1999 empörte das 750seitige Werk Biological Exuberance des Biologen Bruce Bagemihl die Fachwelt: er beschreibt darin die Vielfalt der Homosexualität im Tierreich - und stellte die provokative These auf, es sei Unsinn, beim Anblick schwuler Giraffen oder lesbischer Eichhörnchen über einen rationalen Sinn zu grübeln. Vielmehr sei die Homosexualität Ausdruck der Spielfreude der Natur - mehr nicht. [29]

2007 beeindruckt in Oslo eine Ausstellung über homosexuelle Tiere und lehrt uns, dass es nicht der Nutzen ist, der Tiere zum Sex treibt, sondern, weil´s einfach geil ist.
Bei 1500 Tierarten wurden lesbische und schwule Verbindungen entdeckt. 5% der Enten und Gänse stehen auf gleichgeschlechtliche Partner, jeder 5. Pinguin ist homosexuell, jeder zweite domestizierte Rosenkakadu. Bei Giraffen werden sogar 94% aller Geschlechtsakte unter gleichgeschlechtlichen Partnern ausgeführt. Ein Sinn ist dahinter häufig nicht zu finden.

Auch Onanieren ist weit verbreitet bei Tieren - man hat es unter anderem bei Affen, Hirschen, Tümmlern und Pinguinen beobachtet, bei Männchen wie bei Weibchen. Besonders Orang Utans seien dabei ,,sehr einfallsreich'', sagt Petter Böckman, verantwortlicher Zoologe einer Ausstellung in Oslo, die sich mit diesem Thema Homosexualität bei Tieren beschäftigt. ,,Die machen sich Dildos aus Holz und Rinde.' [30]
Maurice Temerlin, in dessen Haus ein Schimpansenmädchen aufwuchs, berichtet, wie er eines morgens die Schimpansin Lucie beobachtete, wie sie mit einem eingeschalteten Staubsauger genüsslich masturbierte. Ganz offensichtlich hatte sie auch Spaß an Pornoheften.

Spaß am Schlittenfahren - © Alena Yakusheva - Fotolia.com

Spaßvögel allüberall

 

Überhaupt haben Tiere auch Sinn für Jux und Tollerei. Wie zum Beispiel die Krähen in Moskau. Bei Eis und Schnee schliddern die Vögel, manchmal auf dem Rücken liegend und die Füße gegen den Himmel gereckt, die Kuppeln des Kreml hinunter. Die Tiere benutzen ihre Rutschbahnen dermaßen leidenschaftlich, dass die Goldbeläge der Dächer bereits verkratzt sind. [31] In deutschen Wäldern spielen Dachse und Iltisse ausgefeilte Versteckspiele und jagen sich gegenseitig in verteilten Rollen durchs Unterholz und spielen Verstecken. [32] Sogar - staunt die Wissenschaft - Reptilien spielen, wann immer sich iene Gelegenheit ergibt.

 

Schönheitssinn bei Tieren

 

Weg von den Niederungen der Triebe und Lüste hin zum Wahren, Schönen, Guten. Mittlerweile geht man sogar davon aus, dass es einen Schönheitssinn bei Tieren gibt. Schimpansen und Bären beobachten gern Sonnenuntergänge und verhalten sich dabei wie Menschen, die dieses Naturschauspiel genießen. Michael, ein Gorilla aus einem Zeichensprachprogramm liebte die Musik und den Gesang von Luciano Pavarotti so sehr, dass er sich weigerte, nach draußen zu gehen, wenn Pavarotti im Fernsehen kam.


Und die Freude am Schönen drückt sich auch künstlerisch aus: Im Juni 2005 brachten drei, von einem Schimpansen gemalte, abstrakte Gemälde bei ihrer Versteigerung in einem Londoner Auktionshaus 21.600 Euro ein. Congo, der „Cézanne der Affenwelt", zu dessen Bewunderern Picasso, Miró und Dali zählten, hatte die Bilder 1957 als Dreijähriger gemalt. Ein Bild der Chapman-Brüder, zweier Stars der Britart-Bewegung, kam dagegen nur auf gut 2.500 Euro. Ein Warhol-Gemälde fand keinen Käufer. Der Käufer der drei Schimpansenbilder, der Amerikaner Howard Hong, sagte, er hätte notfalls bis 70.000 Euro mitgeboten. «Viele Leute haben mir gesagt: ‚Das kannst du billiger kriegen - kauf dir einen Schimpansen und gib ihm Farbe und Papier.' Aber mich haben die Bilder rein künstlerisch angesprochen. Das sieht doch aus wie ein früher Kandinsky. Schade nur, dass Congo seine Bilder niemals signiert hat." [33]

Der Schimpanse aus dem Londoner Zoo wurde Mitte der 50er Jahre von dem Verhaltensforscher Desmond Morris zum Malen ermutigt und bekam sogar eine eigene Ausstellung. Morris schilderte, dass sich Congo während des Schaffensprozesses genauso aufführen konnte wie ein exzentrischer, leicht reizbarer Meister: «Wenn man versuchte, ihn zu unterbrechen, bekam er einen Wutanfall. Versuchte man aber, ihn zum Weitermalen zu bewegen, wenn er eine Arbeit erst einmal abgeschlossen hatte, weigerte er sich störrisch.» Congo starb 1964 im Alter von zehn Jahren an Tuberkulose. [34]

 

Höchste künstlerische Anerkennung erfuhren auch die Skizzen der indischen Elefantin Siri. Ihr Elefantenführer Gucwa schickte ihre Zeichnung an das Künstlerehepaar Elaine und Willem de Kooning. Bevor sie erfuhren, von wem diese Zeichnungen stammten, bewunderten sie bereits den Flair und die Originalität der Skizzen. Als man ihnen die Identität der Künstlerin verriet, rief Willem de Kooning: „Das ist aber ein verdammt talentierter Elefant." [35]


Der tierschutzbewegte Millionenerbe Michael Aufhauser hat das Schweinehaus auf seinem Gut Aiderbichl, Zuflucht und Heimat für Hunderte vor dem Schlachthof geretteter Tiere, für alle Fälle schon mal mit Lüftlmalerei verzieren lassen, um den Schweinen ein attraktives Zuhause zu schaffen. Seine eigenen Angestellten nahmen Aufhausers Bemühungen ums ästhetische Empfinden der Schweine mit Kopfschütteln auf, doch wer weiß schon etwas vom Kunstverständnis einer Sau? Desmond Morris würde womöglich applaudieren und Congo selig höchstpersönlich den Pinsel in die Hand nehmen.

"Ich kann echt stinksauer werden" - © lunamarina - Fotolia.com

Kochende Wut im Meer und im Gehirn

 

Auch in den Ozeanen ein Meer von Gefühlen: von Aal bis Zander fühlen sich auch die Fische bisweilen ängstlich oder gestresst. Und mehr noch: Fische können sogar fuchsteufelswild werden. In ihrem Gehirn werden die gleichen Areale aktiv wie bei wütenden Menschen. [36]
Der Biologe Hans Fricke berichtet, wie er einmal einen Fisch zur Weißglut brachte: Fricke hat es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht, die Intelligenz von Fischen zu erforschen. Besonders interessieren ihn die Drückerfische, die eine ausgefeilte Methode anwenden, um Seeigel, ihre Leibspeise, zu erbeuten: sie pusten die Seeigel mit einem kräftigen Wasserstrahl einfach um. Fricke fragte sich, ob beim Drückerfisch nicht noch mehr drin ist und entwickelte eine Art Intelligenztest für die Fische.
Im Golf von Akaba leben drei Drückerfische, die sich an Taucher gewöhnt haben: die zwei Weibchen Odonus und Berta sowie das Männchen Flip. Sie erwiesen sich als willige Probanden, die mit Feuereifer Denksportaufgaben lösten, wenn als Belohnung die Leibspeise lockte. Einmal triezte Fricke Berta mit einer schweren Aufgabe und jedesmal, wenn sie sie löste, versteckte er den Seeigel. Berta wurde sichtlich hektisch und schließlich begriff sie, wer sie hier foppte. Berta wurde bleich und ging dann zum Angriff über. Sie attackierte ihren menschlichen Peiniger so heftig, dass dieser vor dem 30 cm langen Fisch das Weite suchte.

Die treibende Kraft bei der großen Spurensuche in Gefühlsdingen sind im übrigen die Neurowissenschaftler. Mit High-Tech-Methoden stellen sie den Emotionen nach, beobachten jede Schicht im Gehirn und bilden sie auf ihren Computern ab. So können sie ermitteln, welche Hirnregionen während des Fühlens aktiv sind. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth ist sich sicher, dass Gefühle das gesamte Denken dominieren - sowohl bei Menschen als auch bei den anderen Tieren.

„Zumindest Säugetiere besitzen alle Hirnzentren, die im menschlichen Gehirn tätig sein müssen, damit wir Gefühle haben. Und diese Zentren sind in mehr oder weniger derselben Weise miteinander verknüpft und aktiv wie beim Menschen", so Roth. „Neurobiologisch liegen die Gefühlswelten von Mensch und Tier nicht weit auseinander." [37]

"Mein Kind ist etwas ganz Besonderes!" - © jf Lefèvre - Fotolia.com

Kein Tier wie das andere.

 

Und fühlten wir uns alle nicht schon mal einem einzelnen Tieroriginal viel näher als so manchem Artgenossen? Auf der Suche nach Seelenverwandten sollte man sich - schon um die Trefferquote zu erhöhen - im ganzen Tierreich umschauen. Walt Disney lag nämlich gar nicht so falsch: In seinen Filmen gibt es mutige Mäuse, neurotische Enten, schüchterne Krabben oder ängstliche Clownfische. Doch Mickey, Donald oder Nemo sorgen bei vielen Wissenschaftlern, die sich mit Tieren befassen, eher für Naserümpfen. Tieren menschliche Regungen zu unterstellen tat man als Bambifizierung ab.

 

Zu Unrecht, wie die Wissenschaft in den letzten 10 Jahren gelernt hat. Denn Helden und Drückeberger, Stoiker und Neurotiker scheint es im Reich der wilden Tiere genauso zu geben wie in der Welt des Homo sapiens. Verhaltensbiologen haben es nur nie wissen wollen. Tiere sozusagen durch die Disney-Brille zu betrachten setzt sich mehr und mehr durch.

 

Immer häufiger trauen sich Wissenschaftler, Tieren individuelle Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Was jeder Hundebesitzer längst geahnt hat, finden Forscher inzwischen überall in der Tierwelt. Affen, Hyänen, Regenbogenforellen, Stichlinge, Goldfische, Kohl- und Blaumeisen, Tintenfische und selbst Spinnen, Ameisen und Wasserläufer werden als „mutig", „schüchtern", „neugierig" oder „durchsetzungsfähig" beschrieben. Was anderes als die unterschiedlichen Gefühlsregungen sollten diese Facetten verursachen? Französische Forscher berichten von Waldeidechsen, unter denen es sozial verträgliche und weniger verträgliche Charaktere gibt. Während sich die Tiere vom geselligen Typ gerne an Orten niederlassen, die von Artgenossen bereits besiedelt sind, ziehen es die Eigenbrötler vor, solche Orte zu meiden.

Britische Forscher vermelden das Kampf- und Erkundungsverhalten mutiger und schüchterner Regenbogenforellen. Die Welt der Tiere kennt die skurrilsten Typen und schrägsten Vögel. [38] In manchen Dingen sind uns Tiere sogar ein Stück weit voraus.

Naturwissenschaftler wie der Engländer Rupert Sheldrake sind besonderen tierlichen Fähigkeiten auf der Spur, die wir Menschen verloren haben oder vielleicht auch noch nie besaßen: Das Gespür für Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Katzen, die wissen, wann ihre Menschen nach Hause kommen, Hunde, die vor bevorstehenden epileptischen Anfällen ihrer Menschen warnen und sogar Krebserkrankungen erkennen können. Gänse, die Erdbeben vorausahnen. [39] Als der Tsunami im Dezember 2004 Hunderttausenden von Menschen in Asien das Leben kostete, waren unter den Opfern kaum Tiere. Die hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. In einem Nationalpark in Sri Lanka hatten sich die Elefanten sogar von den Ketten gerissen. [40]

1    Informationsdienst Wissenschaft, 26.06.2006

2    Angela Grube, Vegane Lebensstile, diskutiert im Rahmen einer qualitativen/         quantitaiven Studie, Stuttgart, 2006, S. 121)

3    Frans de Waal, Der Affe und der Sushimeister - Das kulturelle Leben der Tiere,    München, 2005, S. 11).

4    Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg,

   1996, S 64

5    Volker Arzt, Immanuel Birmelin, Haben Tiere ein Bewusstsein? München,

   1995, S. 153)

6    Süddeutsche Zeitung, Schmerz lass nach- Wie geht‘s dem Wurm am Haken?

     vom 30.03.2005  

7    Sømme, L.: Sentience and pain in invertebrates: Report to Norwegian

   Scientific Committee for Food Safety. In: Norwegian University of Life

   Sciences, Oslo. 2005, Cephalopods and decapod crustaceans: their capacity

   to experience pain and suffering. Advocates for Animals, 2005,

   www.fischen.peta.de)

8    www.alt.uni-wuerzburg.de/presse/mitteilungen/p04-062w.html

9    DIE ZEIT (Nr. 42/1997, S. 52)

10 Süddeutsche Zeitung, Schmerz lass nach - Wie geht‘s dem Wurm am Haken?                      vom 30.03.2005  

11    Süddeutsche Zeitung, Schmerz lass nach - Wie geht‘s dem Wurm am Haken?                    vom 30.03.2005

12  View März 06, Im Dschungel der Gefühle, S. 98

13  Volker Arzt, Immanuel Birmelin, Haben Tiere ein Bewusstsein? München,

   1995, S 153)

14  Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg, 1996, S 64

15  Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg, 1996, S 64

16  Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg, 1996, S 137

17  Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg, 1996, S 224

18  www.focus.de/panorama/welt/bissige-befreier_nid_15870.html, 21.6.05

19  Frans de Waal, Der Affe und der Sushimeister, Das kulturelle Leben der Tiere,    München, 2005, S. 80

20  Karine Lou Matignon, Was Tiere fühlen, München 2006, 110)

21 Karine Lou Matignon, Was Tiere fühlen, München 2006, 110)

22 View, März 06, Im Dschungel der Gefühle, S. 100

23 Elliot Aronson, Sozialpschologie Hiedelberg 1994, 60ff

24 Jeffrey Masson, Wovon Schafe träumen, München, 2006, S.240

25 John Robbins, Food Revolution, Freiburg, 2003, S. 180f

26 John Robbins, Ernährung für ein neues Jahrtausend, Waldfeucht, 1995, S.97

27 View, März 2006, Im Dschungel der Gefühle, S. 99

28 heute-Nachrichten vom 7.1.2005

29 taz vom 30.12.2005, S. 16, 30 Z. (TAZ-Bericht)

30 Süddeutsche Zeitung, 18.2.2007, Rosa Liste.

31 Stern, 20.5.1995, S. 24

32  View, März 2006, Im Dschungel der Gefühle, S. 99

33  Die Welt vom 22. Juni 2005

34 Frans de Waal, Der Affe und der Sushimeister - Das kulturelle Leben der Tiere,             München, 2005, S. 158

35 Jeffrey M. Masson, Susan Mc Carthy, WennTiere weinen, Hamburg,

   1996, S. 291ff

36 View, März 2006, Im Dschungel der Gefühle, S. 99

37 View, März 2006, Im Dschungel der Gefühle, S. 99

38 Süddeutsche Zeitung , Wissen, S. 18, 19. Dezember 2006

39 Rupert Sheldrake, der Siebte Sinn der Tiere, München, 1999

40 www.br-online.de/umwelt-gesundheit/artikel/0501/11-flut-tiere/index.xml

 

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© Silke Ruthenberg