Für blutigen Mord sei blutiger Mord! Wer tat, muss leiden!

 

Heiß flimmert die Sonne Saudi-Arabiens über der Passstraße. Die Wegelagerer haben sich gut getarnt in einem Hinterhalt versteckt und lauern auf ihr Opfer. Vor einigen Tagen wurde hier ein Kind aus ihrem Clan überfahren und tödlich verletzt, nun sinnt die Gruppe auf Blutrache. Im Geiste regionaler Gepflogenheiten hat sich die Gruppe mit Steinen bewaffnet und ist zu allem bereit.

Irgendwann wird ihre Geduld belohnt. Ein Auto taucht in einer Biegung auf, es ist das Auto, das vor Tagen soviel Kummer und Schmerz über den Clan gebracht hat. Die Rächer stürzen aus den Hinterhalt und bewerfen das Auto mit Steinen und was sie sonst greifen können. Das Glas splittert, bald ist es soweit. Im letzten Moment gelingt es den geschockten Insassen ,mit ihrem Auto die Passtraße hinunter zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen. Zurück bleibt eine enttäuschte Pavianhorde, deren Opfer entkommen ist.

 

Anekdoten von nichtmenschlichen Tieren, die sich für erlittenes Leid rächen, gibt es zuhauf. Besonders von Elefanten ist es allgemein bekannt, das sie sich für erlittenes Leid rächen und dabei lange und sorgfältig vorbereiten. Bereits 2005 erforschten kalifornische Wissenschaftler die zunehmende Gewalt bei Menschen und Elefanten. Die amerikanische Wissenschaftlerin Gay Bradshaw stellt nüchtern fest: "Zwischen Menschen und Elefanten herrscht Krieg."

Die Geschichtsschreibung hat die Schuldfrage geklärt. Angezettelt hat diesen Krieg der Mensch. Er hat durch die Jagd und den Raub des Lebensraums die soziale Struktur der Elefanten zerstört. Ihre Herdenverbände und ihre Traditionen sind im Begriff, sich aufzulösen. Und nun schlagen sie zurück.

Die traumatisierten Elefanten leiden und reagieren, so Bradshaw, wie es Opfer von Gewalt und von seelischer Grausamkeit oft tun: mit Gewalt.

2003 drang eine marodierende Bande von Elefanten in ein Dorf in Uganda ein, zerstörte Häuser, Hütten und Felder und stellten sich den fliehenden Menschen mit ihren bis zu sechs Tonnen schweren Körper in den Weg. Die Elefanten töten jährlich 500 Menschen und die Vorfälle nehmen seit 10 Jahren zu. Die Wissenschaftler sprechen von Stress und Traumatisierung, aber viele sprechen von der Rache der Elefanten. und letztlich kann auch die Frage offen bleiben, denn einer Traumatisierung folgt nicht nur die klaffende Wunde in der Seele, sondern eben auch der nagende Wunsch nach Vergeltung. 

Die Gehirne der Elefanten weisen im Kernspintomografen dabei die gleichen Veränderungen auf, wie man sie bei menschlichen Opfern von Gewalt mit Posttraumatischem Belastungssyndrom findet.
Folgerichtig werden die Methoden der Traumatherapie auch bei verwaisten und tief traumatisierten  Elefantenbabys angewendet. Die Traumaforschung hat schon vor dieser Erkenntnis Schimpansen, Hunde und Katzen vorsätzlich traumatisiert, um die Spuren im Gehirn zu untersuchen. Es gibt keinen Grund, anzunehmen ,dass sie das täten, wenn Schimpansen, Katzen und Hunde nicht traumatisiert werden könnten, auch wenn sie dann doch eher mit Erstarrung und Depression reagieren statt mit Angriff, der im Labor kaum möglich ist. 

 

Aus dem Sibirien der 90er Jahre wird von einem 300 Kilogramm schweren Amur-Tiger berichtet, der systematisch Rache nimmt an den Menschen. Sein erstes Opfer ist der Gelegenheitswilderer Wladimir Markow. Schon als dessen blutige Überreste im Schnee gefunden werden, ist schnell klar: Dieser Tiger hat nicht aus Hunger oder Notwehr gehandelt. Er hat sein Opfer gezielt gesucht und getötet. Ähnlich wie das nächste, der Fallensteller Andrei Potschepnja. In einer 430seitigen Dokumentation („Der Tiger – Auf den Spuren eines Menschenjägers") beschreibt der Naturbeobachter John Vaillant die Geschichte des Michael Kohlhaas der Taiga.

Wissenschaftler registrieren in den vergangenen Jahren zunehmend Angriffe von nichtmenschlichen Tieren auf Menschen. In Kamerun bewaffnen sich Gorillas gezielt mit Ästen, die sie zu Keulen umfunktionieren. Rochen gehen neuerdings auf Taucher los, seit Januar 2000 gab es weltweit doppelt so viele Haiattacken wie in den 50 Jahren zuvor.

Das Prinzip der Rache ist keine menschliche Erfindung. Auch die anderen Tiere kennen es und setzen sie sogar als Mittel zum Zweck der Disziplinierung ein. Zum Beispiel der Kuckuck.

Dass Kuckucke ihre Eier in fremde Nester legen ist allgemein bekannt. Man glaubte, dass die zu Pflegeeltern verurteilten Vögel denken, es sei ihr eigenes Ei.  Denn Menschen denken, dass Tiere dumm sind und Opfer sowieso.

Aber von wegen. Und auch die bedauernswerten Vögel, die eines Tages ein fremdes Ei in ihrem Nest vorfinden, das nicht das ihre ist, wissen ganau Bescheid, auch wenn sie es genauso emsig ausbrüten, als wäre es ein eigenes Kind.

Und sie haben einen guten Grund dafür. Es ist die Angst vor den Konsequenzen, die blühen, wenn sie zum Beispiel das fremde Kuckucksei aus dem Nest werfen. Denn dann kommt die Mafia. Wie der Schlägertrupp des Schutzgelderpressers, der das Restaurant des zahlungsunwilligen Besitzers verwüstet, rücken die Kuckuckseltern an und beschädigen die Eier der Pflegeeltern oder zerstören gleich das ganze Nest. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Art scheinbar sinnloser Rache die Opfereltern mit der Zeit disziplinieren soll.

 

In Amerika gehen Wissenschaftler bereits noch einen Schritt weiter: Sie untersuchen die Racheakte von nichtmenschlichen Tieren an ihren Unterdrückern und Peinigern unter dem Gesichtspunkt von Sklavenaufstand und Rebellion und machen sie zum Gegenstand einer erweiterten Forschung über Revolutionen. Der Politologieprofessor Will Kymlicka berichtet darüber in seinem Buch ZOOPOLIS.

 

 

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