Wen isst Du?

Wenn wir von Schnitzel, Bockwurst und Filet sprechen, sprechen wir tatsächlich über fühlende und denkende Tiere, die dafür ihr Leben lassen mussten. Doch über deren Leben wissen wir gemeinhin deutlich weniger Bescheid als über die Zubereitung ihrer toten Köper.
So stellt sich die erste große Frage: Wer ist das überhaupt, der in unseren Schlachthäusern und Schleppnetzen sein Leben lässt und dessen Leichnam schließlich auf unsem Teller als Nahrungsmittel landet? Wer ist Schnitzel?

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Wenn Biologen über Tiere sprechen, so meinen sie Lebewesen von außerordentlich verschiedener Art, die bestimmte Merkmale insbesondere der Energiegewinnung von den Pflanzen vereint. Amöben zählen sie ebenso dazu wie Schimpansen (und Menschen).

Wenn wir hier über Tiere sprechen, so meinen wir Lebewesen, die die Fähigkeit besitzen, Schmerzen und Freude, Angst und Hoffnung zu empfinden. Wir meinen alle Tiere, die wahrnehmen, bewerten, entscheiden und handeln können. Wir meinen alle Tiere, die wissen, was sie tun. Wir meinen alle Tiere, die mit uns das vitale Interesse am Leben, an Freiheit und Unversehrtheit teilen und damit auch das gleiche Interesse an Schutz dieser hohen Güter. Wir meinen damit alle Tiere, denen wir vorsätzlich in unseren Schlachthäusern und Schleppnetzen das Leben nehmen, um sie zu essen.

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Schweine

 

Wir meinen zum Beispiel Schweine, deren Intelligenz der von Primaten entspricht und die über ein Ich-Bewusstsein verfügen. Deren Sozialleben so vielschichtig ist wie das von Menschenaffen. Die sich bei Krankheit selbst behandeln, die zu abstraktem Denken fähig sind, die Computer bedienen können, die um ein vielfaches schneller lernen können als ein Border-Collie.

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Rinder

 

Wir meinen zum Beispiel Rinder, die über ein riesiges Gehirn verfügen, das mehr Gehirnwindungen aufweist als das von Hunden und fast soviel wie ein menschliches Gehirn. Rinder schätzen Denksportaufgaben und wenn sie ein Problem lösen, kann man ihre Freude darüber sogar messen. Sie können durch Beobachten lernen. Und auch das Sozialleben der Rinder ist sehr vielschichtig. Sie gehen tiefe Freundschaften ein, Abneigung zwischen zwei Kühen kann Monate oder sogar Jahre anhalten. Sie kennen komplexe Gefühle wie Neid, Trauer und Zukunftsängste. Ihre eigenen Kinder finden sie in Gruppen von hunderten Kälbern wieder. Es ist die Liebe, die sie dabei führt.

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Schafe

 

Wir meinen Schafe, die alles andere als Schafsköpfe sind: sie können sich die Gesichter von 50 anderen Schafen – auch menschlichen - über Jahre hinweg fest einprägen. Sie sind teilweise schlauer als die überaus klugen Ratten, können abstrahieren und kombinieren. Sie bewältigen Intelligenztests, die sonst nur die Primaten lösen können und bei dem Hund und Katze scheitert.

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Gänse

 

Wir meinen Gänse, von denen Wissenschaftler herausgefunden haben, dass sie über eine außerordentlich hoch entwickelte soziale Intelligenz verfügen. Sie kennen die familiären Verflechtungen innerhalb der Kolonie genau, wissen wer mit wem verbandelt ist, wer mit wem gut kann und welche sich anöden oder gar durch und durch unsympathisch sind. In einer Kolonie von etwa 100 Gänsen kennen sich alle, wahrscheinlich besser als wir alle unsere nächsten Nachbarn. Wissenschaftler haben ihre Liebe gemessen. Und ihre Trauer untersucht, die jahrelang anhalten kann, wenn der geliebte Partner verstirbt.

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Hühnervögel

 

Wir meinen Hühner und Puten, die über eine komplexe Sprache verfügen und bei denen man bereits 20 verschiedene Laute für unterschiedliche Futtersorten unterscheiden konnte. Und da, wo die vielgerühmte menschliche Empathie andauernd scheitert, nämlich bei der Einfühlung in das Fühlen und Denken der Tiere, da haben uns endlich die Instrumente der Wissenschaftler auf die Sprünge geholfen: Wir haben gemessen: Hennen kennen das Gefühl mütterlicher Sorge und fühlen sich in die Empfindungen ihrer Küken ein. Sie unterrichten ihren Nachwuchs, durchschauen Ursache-Wirkungs-Mechanismen und können in die Zukunft planen.

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Thunfisch, Karpfen, Lachs und Co.

 

Wir meinen Fische, die sogar eine einfache Form des Lesens beherrschen. Die strategisch denken können und über die komplexe Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen verfügen, die transitive Inferenz genannt wird und die Menschenkinder erst im Alter von 4-5 Jahren lernen. Fische gebrauchen Werkzeuge. Sie verfügen über ein breites Spektrum an sozialer Intelligenz und nutzen Strategien von Versöhnung, Bestrafung und Manipulation. Und sie sind Meister im Lügen. Unter den Fischen finden sich männliche Heiratsschwindler ebenso wie Fischfrauen, die einen Orgasmus vortäuschen. Der Haken in ihrem Fleisch schmerzt sie wie uns eine Augenverletzung.

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Hummer, Krebse und Co.

 

Den Schmerz, im Übrigen, den kennen auch Hummer und Garnelen. Krebstiere bilden einzigartige Charaktere aus. Kein Krustentier wie das andere. Einsiedlerkrebse beherrschen das Prinzip des sozialen Tauschhandels. Sie schwindeln auch, wenn es denn Not tut. Von wegen niedere Lebensformen. 

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Weichtiere

 

Und nicht zuletzt meinen wir Tintenfische, die eine Königsdisziplin der Intelligenz beherrschen und Werkzeuge gebrauchen. Bei manchen Intelligenztests übertreffen sie die Leistungen von Affen. Ihrer differenzierten Kommunikation mittels komplexer Farbspiele liegt sogar eine eigene Grammatik zugrunde. Und sogar so "einfache" Tiere wie Schnecken besitzen bereits ein Kurz- und ein Langzeitgedächtnis, das sie befähigt, schmerzhaften Erfahrungen dauerhaft aus dem Weg zu gehen.

 

Nichts Menschliches ist ihnen fremd, die in dieser Welt doch nur den Status von Lebensmitteln haben.
Rinder und Schweine, Hühner und Fische zu Lebensmitteln zu degradieren, ist respektlos, diskriminierend und schlicht rohe Gewalt. Diese Tiere sind nicht ein Etwas sondern ein Jemand. Und damit endet unser menschliches Recht auf das Schnitzel. 

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© Silke Ruthenberg