Hunger und Fleischeslust - das Welternährungsproblem

57% der europäischen Getreideernte wird an "Nutz"tiere verfüttert - Quelle: EU Cereal Management Committee/ebio 2008

Das Gesetz der Gleichheit verbietet es, dass Reiche oder Arme unter Brücken schlafen, in den Straßen betteln oder Brot stehlen müssen.

Anatole France, Literaturnobelpreisträger, 1844-1924

 

Neben Milliarden von anderen Tieren sind es auch Hunderttausende Menschen, denen die Eßgewohnheiten der Industrienationen schlicht das Leben kostet. Wir leben im Speck, weil es der Dritten Welt am Brot fehlt.


Um den Zusammenhang zwischen dem Welternährungsproblem und dem (hohen) Fleischkonsum zu verstehen, muss man sich bewusst machen, wie enorm unwirtschaftlich der „Veredelungsprozess" von pflanzlichen Lebensmitteln in Fleisch und tierische Produkte ist: Eine fleischorientierte Ernährung eine ungeheuere Verschwendung von Ressourcen. 90% der pflanzlichen Proteine gehen verloren, wenn sie an "Nutztiere" verfüttert werden. Rinder, Schweine und Hühner wandeln nämlich nur einen Bruchteil der aufgenommenen Energie in Muskelmasse um.

 

Um einen Veganer zu ernähren, benötigt man eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 0,07 ha, ein ovo-lakto-vegetarisch lebender Mensch braucht bereits 0,2 ha, ein Gemischtköstler wird auf 1,5 ha satt.

 

Kalorienumsetzung von Weizen bei

Verwendung für:

Brot 1:1

Schweinefleisch 3:1

Eier 4:1

Milch 5:1

Rindfleisch 10:1

Hühnerfleisch 12:1

 

Ein Getreidefeld von einem Hektar erbringt fünfmal mehr Proteine als eine ebenso große Fläche, die für den Viehfutteranbau genutzt wird; mit Hülsenfrüchten kann ein zehnmal, mit Blattgemüsen ein fünfzehnmal höherer Proteinertrag erzielt werden. Spinat erbringt das Sechsundzwanzigfache an Proteinen wie Rindfleisch. [1]

Anders ausgedrückt: in einem einzigen Steak von 225 g steckt soviel Pflanzenenergie, dass man 40 Menschen einen Tag vor dem Hungertod bewahren könnte. Wenn wir die Nahrung direkt verwerten (uns also rein vegetarisch ernähren), erhalten wir aus dem gleichen Stück Land das fünf- bis zehnfache (1000 % mehr) an Nahrung. [2]


Es leben mittlerweile 20 Milliarden Nutztiere auf dieser Welt, drei Mal so viel, wie es Menschen gibt. Pro Jahr werden allein in den USA 20 Milliarden Tiere umgebracht, um sie aufzuessen. [3]

Das war aber nicht immer so. Der hohe Fleischkonsum in den Industrienationen hat sich aus einer wahrhaft genialen Geschäftsstrategie der amerikanischen Banken entwickelt: Große Gebiete der für den Getreideanbau genutzten Wide Plains im Mittleren Westen der USA gehörten den Banken. Doch soviel Grießbrei konnten die Amerikaner einfach nicht schlucken, wie Getreide auf den riesigen Anbaugebieten wuchs. So verfütterte man die gigantischen Getreideüberschüsse an Rinder und verkauften deren Fleisch billig mit der Marketingkampagne, dass jedem Amerikaner sein täglich Steak zustehe. Grundrecht Fleisch!

Das schmeichelt dem Narzissmus, da exzessives Fleischessen von jeher nur den Wohlhabenden möglich war und von daher auch immer als Symbol für Macht verstanden wurde. Nun konnten sich auch Hinz und Kunz von der Macht ein blutiges Stück abschneiden und einverleiben. Und der Amerikaner aß und fühlte sich ein wenig mächtiger als früher und glaubte irgendwann, ohne sein täglich Steak würde ihm etwas abgehen. So hatte man einen Markt geschaffen, der schier unersättlich wurde.

 

Die Verknüpfung von Fleisch mit Wohlstand und Macht wirkte auch in Europa, als man nach dem Krieg wieder richtig zugreifen konnte. Ältere Generationen werden sich erinnern, das das Statussymbol Mercedes den Spitznamen Metzgerauto weg hatte, denn mit Fleisch konnte man auch hier nach den Kriegsjahren ziemlich reich werden und sich den Luxuswagen leisten.

 

Heute werden mehr als 70% der Getreideernte in den USA als Viehfutter verwendet. [4] Weltweit wird ein Drittel der Getreideernte, zwei Drittel der Ölsamen, ein Drittel der Milchprodukte und die Hälfte des Fischfangs an Nutztiere verfüttert. [5] Um den Hunger nach Fleisch in den Industrieländern zu stillen, reichen die Anbau- und Weideflächen Europas und Nordamerikas schon lange nicht mehr aus. Die EG holt alljährlich rund eine halbe Million Tonnen Futtermittel allein aus Westafrika, um die europäischen Rinder zu mästen. [6] In den Entwicklungsländern wird tatsächlich Soja und Futtergetreide für den Export an die Industrienationen und deren Bedarf an Futtermitteln angebaut. Auf diesem Wege verleiben sich 25% der Weltbevölkerung, die ohnehin zu einem großen Teil völlig Überernährten aus den Industrienationen, mit ihrem Fleischkonsum 40% der Welternte ein. Heute werden 40% der Weltgetreideernte, 70% der Sojaernte, knapp 50% des Fischfangs und ein Drittel der Milchprodukte für die Ernährung der „Nutztiere" verwendet. 64% der Futtermittelimporte der EG stammen dabei aus Entwicklungsländern.

 

Verschärft hat sich die Situation noch durch die BSE-Krise 2001 und dem daraus resultierenden Fütterungsverbot von Tiermehl. Was sollte nun den Eiweißbedarf der Masttiere decken? Die Antwort: Soja aus Brasilien. Zwischen 1990 und 1995 wurden im brasilianischen Regenwald Jahr für Jahr 14000 Quadratkilometer gerodet, in den folgenden fünf Jahren waren es bereits 20000, zwischen 2001 und 2004 sogar 24000 Quadratkilometer. Brasilien ist der weltgrößte Exporteur von Rindfleisch und Soja. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Anzahl der Rinder in diesem Land verdreifacht. 2005 lieferten die Südamerikaner 20 Millionen Tonnen Soja in die Welt, während das eigenen Volk hungert. [7]

 

Schon vor 30 Jahren wurden in Brasilien werden 23 Prozent der gesamten Anbaufläche für die Produktion von Sojabohnen genutzt, von denen nahezu die Hälfte für den Export bestimmt war. Dies führte überdies zu einem Preisanstieg für Getreide. Eine fatale Entwicklung für die Armen des Landes.8 Der beste Kunde des Sojabauern ist der Viehzüchter, dieser bestimmt also auch den Preis.

 

In Mexiko, wo ebenfalls Millionen von Menschen an chronischer Unterernährung leidet, wird 30% des dort geernteten Getreides für die Mast verwendet. [9] Durch den phänomenalen Landbedarf der Viehzüchter wird der Landbevölkerung der Boden entzogen für ihren eigenen Nahrungsmittelbedarf.

70% der Landbevölkerung Brasiliens hat keinen Landbesitz, während 4,5% der Brasilianer 81% der Agrarfläche besitzen. Es waren die Viehzüchter, die der traditionellen Kautschukzapfern durch die Regenwaldrodung die Existenz nahmen. Wir nahmen mit der Ermordung Chico Mendes erstmals davon Kenntnis, dass die fleischreiche Kost der wohlhabenden Lateinamerikaner, Europäer, Nordamerikaner und Japaner und die Schaffung von Weideflächen in den Urwäldern des amerikanischen Kontinents ein unbeschreibliches Elend unter der Bevölkerung anrichtete, die Jahrtausende mit dem Regenwald ökologisch verträglich gelebt hatte.

 

In Lateinamerika hungert jeder Achte Bewohner. In Asien sind 22% der Menschen chronisch unterernährt. In Afrika ist es jeder Vierte. Weltweit leiden 20% oder 1,3 Milliarden Menschen an chronischem Hunger. Das hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. [10]

 

Die Überweidung und die damit verbundenen ökologischen Folgen haben auch katastrophale Auswirkungen auf die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents. Durch die Kolonialisierung Afrikas waren die Nomadenstämme gezwungen, den traditionellen Tauschhandel aufzugeben und ihre Rinderherden zu vergrößern, um am Geldhandel teilzunehmen.

Durch die Überweidung und die periodisch wiederkehrenden Dürrekatastrophen hat sich die Lage der Menschen dramatisch zugespitzt. Der Rückzug vor der sich ausbreitenden Wüste hat die städtische Bevölkerung in der Sahelzone in den vergangenen Jahren vervierfacht. Noch vor einhundert Jahren war der afrikanische Kontinent von üppiger Vegetation, dichten Wäldern und Savannen überzogen. Heute droht die Wüste den Kontinent zu verschlingen und Abermillionen Menschen in unvorstellbare Not zu stürzen.

 

Diese Not führt ihrerseits zu einer Bevölkerungsexplosion: nur mit vielen Kindern scheint das Überleben im Alter gesichert. Und diese stellt wiederum eine weitere Bedrohung der verbliebenen Restnatur dar.

Etwa 25 Millionen Afrikaner waren im Jahr 2005 auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Seit den 80er Jahren hat sich südlich der Sahara die Zahl der jährlichen Hungersnöte seit den 80er Jahren verdreifacht. Eine Analyse des Wirtschaftsmagazins Economist warnt davor, dass die Vieh-Ökonomien am Horn von Afrika vor dem völligen Kollaps stehen: Überweidung, Erosion, Wassernot. [11]

 

Tragischerweise hat die Definition von Wohlstand und die Lebensgewohnheiten der Ersten Welt eine tragische Vorbildsituation für die Bewohner der Drittweltländer. Dies gilt auch für das Ernährungsverhalten. Die fleischorientierte und unwirtschaftliche Ernährung der Industrienationen hat bereits heute zu einer gigantischen Zerstörung der Lebensgrundlagen geführt. Mit der Übernahme der Ernährungsgewohnheiten durch die Bevölkerung der Drittweltländer wäre der Niedergang der Restnatur endgültig besiegelt.

Jedes Jahr gehen 124 Millionen Tonnen Getreide und Sojabohnen verloren, wenn die 145 Millionen Tonnen Futtergetreide an das amerikanische Nutzvieh – Rinder, Schweine und Hühner – verfüttert wird, mit dem Resultat, dass daraus 21 Millionen Tonnen Fleisch gewonnen wird. [12] Diese Nahrungsmitteln bzw. ihr Wert würde ausreichen, jeden Menschen dieses Planeten jeden Tag mit einer Schale Getreide zu versorgen.

 

Diese Verschwendung kann sich eine Welt, die über sechs Milliarden Menschen zu ernähren hat, von der eine Milliarde Hunger leidet, nicht leisten. Nicht ökonomisch, nicht moralisch und nicht in Hinblick auf die Folgen, die diese Ungleichverteilung auf die Koexistenz der Völker haben.


 

QUELLENANGABEN:

1 Doyle, Jack, Altered Harvest, New York, 1985, 287)

2 Körner oder Keule. Ein Artikel aus DIE ZEIT Nr. 25, 14. Juni 1996.

3 John Robbins, Food Revolution, Freiburg, 2003, S. 231

4 Jeremy Rifkin, Das Imperium der Rinder, Frankfurt/ Main, 1994, S. 124).

5 Körner oder Keule, Die ZEIT, Nr. 25, 14.Jnui 1996)

6 Jeremy Rifkin, Das Imperium der Rinder, Frankfurt/ Main, 1994, 262)

7 Süddeutsche Zeitung Magazin, 24.8.06

8 Tullis/ Hollist Food, the State, an International Politixal Economy, Linkoln,

   1986, 262 ff)

9  Lewis, Scott, The Hamburer Connection Revisited; The Status of Tropical

   Deforestion in Central America and Southern Mexico, San Francisko, 1991

10  Jeremy Rifkin, Das Imperium der Rinder, Frankfurt/ Main, 1994, S. 141 ff)

11 Süddeutsche Zeitung, 2.11.06, S. 13

12  Jeremy Rifkin, Das Imperium der Rinder, Frankfurt/ Main, 1994, S. 124)

 

 

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