Schlechte Nachrichten für Veganer - echt jetzt?

 Das kann kein Zufall sein. Kaum hat die Wissenschaft ihr behavioristisches Bollwerk gegen den Rest der Tierheit aufgegeben: kaum gibt sie zu, dass die anderen Tiere auch nicht anders sind als wir, dass sie denken und fühlen können, dass sie kombinieren und sich kultivieren, dass sie lieben und lügen; kaum, dass dieser narzisstisch aufgeblasene Dünkel des Menschen gegenüber allen anderen Tieren nun so gar keine wissenschaftliche Basis mehr vorweisen kann - genau dann (!) kommen die Botaniker aus den Löchern gekrochen und rufen, dass ihre Probanden das doch auch alles könnten. Gerade berichteten Biologen der University of Missouri von ihren Untersuchungen am Broccoli, der Senföl absondert, wenn sich eine Raupe über ihn hermacht. Die besonderen Vibrationen des Nimmersatts lösen die Produktion dieses Schutzstoffes aus, der hinwiederum der Raupe den Appetit vergällt.  Bei Vibrationen von harmlosen Insekten oder Wind wird hingegen kein Senföl produziert.

Und schon dreht der gemeine Fleischfresser den Veganern eine lange Nase. „Schlechte Nachrichten für Veganer“, triumphiert Peter Mühlbauer auf Telepolis mit einer Logik, die man auch erstmal fertigbringen muss, und schließt aus der Untersuchung, dass „Pflanzen merken, wenn sie gefressen werden“. Das genau ergibt sich aus der Studie allerdings nicht.

Ganz im Gegenteil bestätigen auch die modernsten Kommunikationsforscher unter den Botanikern, dass es keine Hinweise auf Schmerzempfindung bei Pflanzen gibt. Diese Einschätzung ist unter Wissenschaftlern noch nicht einmal umstritten – so wie das beim Schmerzempfinden von Garnelen und Fliegen gilt, für das es viele Hinweise gibt, und was doch noch von einigen Wissenschaftlern geleugnet wird.

Sogar Dieter Volkmann, Professor vom Institut für Zelluläre und Molekulare Biologie der Universität Bonn und Vorreiter im Metier bekräftigt: "Das bedeutet nicht, dass die Pflanze Schmerz empfindet wie wir. Schmerzrezeptoren haben wir bei Pflanzen noch nicht entdeckt."

Reizreaktionen können unbewusst ablaufen und sie tun dies auch sehr häufig. Sie sind noch nicht einmal eine Einzigartigkeit von Lebewesen. Und auch bei uns Menschen laufen unzählige Reizreaktionen ab, von denen wir überhaupt nichts mitbekommen. Die Anpassung der Pupillengröße an das Licht, die Stoffwechselvorgänge bei der Verdauung, sogar Werbung und Geheimdienste setzen gezielt auf solche Reaktionen jenseits jedes Bewusstseins und manipuliert unser Verhalten.

Mit einem bewussten Leben haben solche Reizreaktionen nichts zu tun, selbst wenn ein inflationärer Gebrauch von Begriffen bewusste Handlungen implizieren.

Natürlich: das Fehlen von Beweisen ist kein Beweis für das Fehlen.  Wir wissen es schlichtweg nicht, ob Pflanzen ein bewusstes Leben führen. Stand der Wissenschaft ist dieser, dass für ein bewusstes Leben Nervenzellanhäufungen von einigen tausend Nervenzellen die Voraussetzung ist. Somit gibt es handfeste Indizien, dass auch Bienen und Schnecken ein bewusste Leben führen und von gelebten und empfundenen Interessen geleitet werden, die Respekt verdienen. Immerhin fallen Fruchtfliegen und Bienen  in Depressionen, wenn man sie piesackt. Nachgewiesen.

Doch selbst wenn Pflanzen wie wir Tiere fühlen und denken könnten, so wäre dies keine Rechtfertigung, Tiere zu essen und sich über ihr unbestreitbaren Interessen so elementar hinwegzusetzen.

Es wäre ein allenfalls Grund, Pflanzen die entsprechenden Rechte zurückzugeben und sie ebenfalls nicht mehr zu essen. Immerhin bleibt dann noch genug übrig, um nicht zu verhungern: Walnüsse, Tomaten, Pfirsiche und auch Hülsenfrüchte und Getreide, das geerntet wird, nachdem die Pflanze bereits gestorben ist.

Wer nun meint, mit diesen Argumenten Veganern moralisch eines überbraten zu können, geht auch noch von einer zweiten falschen Annahme aus: dass Veganismus ein Wettbewerb um den Heiligenschein ist. Doch dass Veganer die besseren Menschen sein wollen ist ein ebenso lästiges wie paranoides Fantasieprodukt von Tätermenschen. Eine Unterstellung ohne Sinn und Verstand.

Aber wie gesagt. Nachgewiesen ist nichts, es bleibt reine Glaubenssache. Und das ist zuwenig, um eine verbindliche Forderung daran festzumachen.

Silke Ruthenberg

 

 

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