Von damals und von dieser Zeit

Silke Ruthenberg lebt seit 29 Jahren vegan und ist eine Pionierin des Veganismus, die den Boden wesentlich mitbereitet hat für den heutigen Erfolg der Bewegung. Die 1967 geborene Münchnerin  studierte nach dem Abitur Politik und Rechtswissenschaften, bevor sie sich der neugegründeten Organisation ANIMAL PEACE anschloss  und diese seit 1993 als Vorsitzende und mit spektakulären Aktionen für das Recht der Tiere zu internationalem Erfolg führte. „Lieber nackt als Pelzetragen“ ging um die Welt. Mehrfach musste sie sich für Tierbefreiungen und spaktakuläre Tierrechtsaktionen vor Gericht verantworten.

Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit vertrat sie das Tierrecht und den Veganismus in Talksendungen und Reportagen auf nahezu allen Kanälen. Der Spiegel porträtierte sie auf fünf Seiten, Joy übernahm sie in die Rubrik „Schön, reich, berühmt“. Sie erwarb sich den Ruf einer engagierten, glaubwürdigen und kompetenten Vertreterin des Tierrechts. Die „Jeanne d`Arc der Tiere“ erreichte sogar bei kritischen Medien Achtungserfolge. Heute lebt sie mit ihrem 2003 geborenen Sohn in München und hat zum Thema immer noch viel zu sagen.

Das Interview führte Kirsten Kosubek

Viva-Vegan: Silke, in wenigen Tagen gehst Du in Dein 30. vegane Jahr.  Aber erstmal die Frage: Wie geht es Dir?

 

Silke: Da können sie lange warten.

 

Wie bitte?

 

Sorgen sind die Hoffnungen der Feinde. Man sollte immer wachsam sein, wenn sich die Leute Sorgen machen. Meist steckt nichts Gutes dahinter.

 

Für uns wäre es aber schon inspirierend, zu erfahren, dass es Dir auch nach 30 veganen Jahren gut geht. Jungveganern würde es sicher Mut machen.

 

Ich habe überlebt. Das hat damals niemand erwartet. Und ich bin offenkundig bisher gesund geblieben. Damit habe ich auch die heutigen ärztlichen Hoffnungen enttäuscht.

 

Also Du Veganerin wurdest, haben sich die Leute auch schon Sorgen gemacht?

 

Als ich Veganerin wurde, wusste niemand, was das ist. Es gab keinen bekannten Begriff dafür, das war Expertenwissen.  Man nannte sie „strenge Vegetarier“, das klang grausam genug, nach Peitscherl und Stachelhalsband und so. Ich musste auch selber erstmal Identitätsfindung betreiben und herausfinden, wer ich nun eigentlich bin, wenn ich mich nicht mehr an Tieren verbreche. 

 

Wie bist Du überhaupt Veganerin geworden? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

 

Die Frage ist schon falsch. Man sollte sie Tierfressern stellen: ´Was ist in Deinem Leben Furchtbares geschehen, dass es Dir dermaßen konsequent Gewissen und Mitgefühl ausgetrieben hat?´ 

 

Aber leider ist in unserer Welt nun mal der Veganer der Exot und soll sich erklären.

 

Wir leben in einer Täterwelt, das ist die Wahrheit. Und das bedeutet, dass sich die Menschen an die Seite von Aggressoren stellen. Fast alle. Das ist wie ein Zwang, Solidarität mit Opfern macht einen selbst zum Opfer, so fürchtet man sich. Der Nichttäter wird bestenfalls staunend betrachtet. Es ist eine große Aufgabe, sich vom Tätersein freizumachen, sich vom Gruppendruck freizumachen. Bei mir kam das Begreifen auch nicht vom Himmel gefallen und es war ein längerer Prozeß.

 

Du warst vorher Vegetarierin?

 

Eigentlich war ich schon immer irgendwie Veganerin. Im Kopf, im Herz. Ich habe nie wie ein Täter gedacht, ich fühlte immer mit den Opfern. Es gibt da eine Geschichte. Ich war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt, da war ich mit meinen Eltern im Urlaub zum Bergwandern in Südtirol. Das war im Villnößtal, damals noch ein Geheimtipp.

 

Der STERN-Titelchef Derik Meinköhn hat in seinem Vegan-Blog neulich mal ein Bild vom Villnößtal eingestellt, als er über kulinarische Gelüste von Urlauben schrieb...

 

Das fand ich unglaublich, weil ausgerechnet dort meine vegane Geschichte begann. Kann das Zufall sein, oder ist die Welt so klein? Übigens gibt es dort schon seit Ewigkeiten ein makrobiotisches Gasthaus in St. Magdalena mit veganer Küche, dort hatten wir immer gewohnt. Und um die Ecke haben vor vor ein paar Jahren ein 6jähriger mit seiner Mutti 8 Riesenkaninchen aus einem Drecksloch vor Mord und Totschlag gerettet, das ist auch eine erzählenswerte Geschichte.

 

Aber Du wolltest eine alte Geschichte erzählen... 

 

Genau, also ich war mit 4 Jahren dort beim Wandern und eines Tages erzählte uns eine Bergbäuerin, dass ihr kleiner Sohn ein Kätzchen, mit dem ich immer gespielt hatte, ins Plumpsklo geworfen hat. Es würde nicht mehr herauskommen und irgendwann darin zugrunde gehen. Das Gefühl von verzweifelter Ohnmacht und Schmerz fühle ich heute noch. Ich glaube, das war die intensivste Erfahrung meiner Vorschulzeit, das werde ich nie mehr los.

 

Dir ist also schon als kleinem Kind bewusst geworden, dass Tiere sterben. Dass Kinder Gewalttäter sind.

 

Die Gewalt vom Kind war mir keinen Gedanken wert, auch wenn man sich schon fragen kann, wie man auf eine solche Idee kommt, ein Kätzchen in ein Plumpsklo zu werfen. Ich habe damals jedenfalls nur an das Kätzchen gedacht. Ich habe auch heute noch keine Worte über meine Fassungslosigkeit, dass niemand dem Kätzchen half. Dass man einfach so mit lächelndem Bedauern das Kätzchen einfach verrecken lässt. Ich war ja noch so klein, aber ich fühlte, dann man hätte helfen können, wenn man es für wichtig erachtet hätte. Übrigens hatte die Geschichte ein gutes Ende. Das Kätzchen hat sich nach Tagen zurückgekämpft ins Leben und aus dem Plumsklo befreit. Aber es hatte natürlich ein Trauma und war danach voller Angst. Wahrscheinlich hätte ich sonst das Trauma, wenn es nicht gut ausgegangen wäre.

 

Und wann bist du Vegetarierin geworden?

 

Ich habe als Kind eigentlich nie gern Fleisch gegessen. Ich mochte die Saucen und die Panade, die Leiche musste man mir regelreicht unterjubeln. Ich bin mit Mirakoli großgeworden. Ich mochte nur Mirakoli. Ich sah selber aus wie ein Mirakoli. Da ist meine Mama sogar mal mit mir zum Arzt gegangen.

 

Der war bestimmt entsetzt.

 

Von wegen. Das war noch in Zeiten, wo die Menschen und die Ärzte noch normal waren. Der Arzt sagte: Hierzulande verhungert kein Kind. Die holt sich schon, was sie braucht.  Ist das nicht wohltuend unaufgeregt?

 

Und wie alt warst Du, als Du Vegetarierin wurdest?

 

Ich glaube, ich war 13. Mir wurde irgendwann mehr und mehr bewusst, dass für Fleisch Tiere umgebracht werden.

Als ich Tiere und Fleisch miteinander in Verbindung brachte, glaubt ich tatsächlich, Fleisch sei eine Art Geschwür, das vom Schwein abfällt wie der Apfel vom Baum. Irgendwann klappt der Selbstbetrug allerdings nicht mehr.

 

Wußtest Du etwas von Massentierhaltung? Das gab es ja damals auch schon...

 

Ich wusste nichts von Massentierhaltung und den Zuständen in Schlachthöfen. Es war einfach nur so, dass ich den Bezug gesehen habe zwischen Fleisch und Tier. Und dass die Tiere dafür sterben müssen, dass sie umgebracht werden. Das wollte ich auf keinen Fall. Da gab es auch solche Vorfälle, dass ich mit der Schule im Skilager war in der 7. Klasse und es gab natürlich zum Abendessen Fleisch und nach anfänglichem Widerwillen aß ich dann ein bisschen und da sagte eine Klassenkameradin so was wie: „Na also, geht doch!“ Das hat mich unglaublich geärgert, allein diese Art. Da war bei mir der Prozess schon voll im Gange. Es brauchte eben leider nur seine Zeit, ungehorsam zu werden mit einem guten Gefühl, damit das Richtige zu tun.

 

Und was hat Dir den Rest gegeben?

 

Es war in der Weihnachtszeit, als ich mich entschied. Meine Eltern waren auf irgendeinem Besuch und im Kühlschrank war ein kaltes Kotelett für mich zum Essen. Als ich Hunger bekam ging ich zum Kühlschrank, sah das Kotelett und konnte es einfach nicht essen. Es fühlte sich widerlich und obszön an, das zu essen. Das war ein ganz starkes Gefühl. Als meine Eltern heimkamen, sagte ich, dass ich ab sofort keine Tiere mehr essen würde.

 

Wie haben Deine Eltern regiert?

 

Sie haben das schon akzeptiert. Ich war allerdings immer schon sehr stur und beratungsresistent. Die Akzeptanz war also auch Selbstschutz (lacht). Mama hat das auch verstanden, sie hat schon immer erzählt, wie sie als Kind immer Beklemmungen bekam, wenn sie am Schlachthof vorbei ging. Und wie furchtbar es für sie war, wenn die Ima im Keller die Gans geschoppt hat oder die schreckliche Frau Schlegl kam, um das Schwein im Keller zu schlachten. Allerdings ist sie mit mir dann doch lieber zu Kinderärztin.

 

Diesmal Ärztin ..

 

Ja, das war jemand anderes, wir waren zwischenzeitlich umgezogen. Aber man muss sich das mal vorstellen: jemand wird moralisch und soll deshalb zum Arzt. Das ist ja so was von verrückt! Heutzutage hat man das ja noch auf die Spitze getrieben. Sogar Veganer raten dazu, sich deshalb untersuchen zu lassen. Da sage ich immer: Fleischfresser ab zum Psychiater, auch gegen Soziopathie gibt es Mittel und Wege...

 

Und was hat die Kinderärztin gesagt?

 

Freuen Sie sich, Vegetarier sind gesünder und haben eine längere Lebenserwartung, hat sie gesagt. Und man weiß heute, dass man sogar ganz rein vegetarisch leben kann. Lakto-ovo-vegetarisch ist überhaupt gar kein Problem. Ja, das sagte sie. Da kann man ja heutzutage nur von träumen. Diesbezüglich gibt es einen veganen Backlash...

 

Die Kinderärztin fand sogar vegan gut? Damals Anfang der 80er Jahre?

 

Klar. Damals gab ja noch keine Wirtschaftsverbände, die mit gekauften Forschern Stimmung gemacht haben, um die Leute an den Fleischtöpfen zu halten. Da regierte noch der Verstand und nicht das Geld. Glaube nie einer Studie, die du nicht selbst gefälscht hast...

 

Da war Deine Mama bestimmt erleichtert.

 

Schon. Sie hat bald darauf gar kein Fleisch mehr zubereitet und sich auch rausgeschlichen aus dem System. Heute sind meine beide Eltern schon seit vielen Jahren 98%-Veganer.

 

Was sagst Du Leuten, die sagen, dass sich das Kind selbst entscheiden soll, ob es Veganer werden will.

 

Blödsinn. Ich wäre sehr froh, wenn ich vegan aufgezogen worden wäre. Man muss doch ein Verbrechen nicht erst begehen, um davon bewusst Abstand zu nehmen. Das macht es doch erst schwer. Alle Sozialstudien sprechen da die gleiche Sprache. Asozialität gebiert Asozialität. Kein Kind wird geboren mit gewalttätigen Erwartungen an die Welt. Sie werden korrumpiert und desillusioniert, um mit dem Verbrechen leben zu können. In jeder Hinsicht. Man schenkt Kindern Freiheit, wenn man sie vegan ernährt.

 

Vegetarier zu sein war damals bestimmt eine einsame Angelegenheit.

 

Ja, das war es. Ich kannte sonst niemanden. Aber Anfang Juni 1983 fand in München die erste Demonstration gegen Tierversuche überhaupt statt. Ich weiß noch, wie ich die Ankündigung in der Süddeutschen Zeitung las. Da bin ich natürlich hin, obwohl ich von Tierversuchen keine Ahnung hatte, aber soviel begriff ich schon, dass es eine Demo für Tiere war. Dort habe ich die ersten Vegetarier überhaupt kennengelernt und auch das erste Material über Massentierhaltung erhalten. Ich war fassungslos über das, was ich da las. Ich wusste das ja nicht.

 

Die Tierversuchsgegner waren seinerzeit also schon Vegetarier...

 

Von wegen. Das ging damals erst los mit der Politisierung der Tierschutzinitiativen. Da wurden noch schamlos die Wurstplatten auf den Besprechungstreffen herumgereicht. So ging es noch zu ein Jahr, bevor ich dazukam. Da gab es Leute, die hielten sich für Revolutionäre, weil sie nur Fische gefressen haben. Lederjacken wurden ganz selbstverständlich getragen, von Schuhen will ich gar nicht reden.

 

War es schwer, sich vegetarisch zu ernähren damals?

 

Mama hat gekocht und die hatte keine Probleme damit. Es gab auch schon Reformhäuser und die ersten Bioläden. Und dann hat sie viel mehr Milchprodukte verwendet, Käse, Quark, das ist ja die vegetarische Falle.

 

Wie hast Du das mit Lederschuhen gehalten?

 

Das war war wirklich schwer und genau weiß ich das gar nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich einige Winter keine Winterstiefel getragen hatte, weil ich keine Stiefel ohne Leder gefunden habe. Die alten Schuhe habe ich sicher aufgetragen. Im Sommer gab es diese Espandrillos schon, da war es leichter. Sandalen hatte ich auch nicht ohne Leder gefunden. Also hatte ich lange keine Sandalen.

 

Schwere Zeiten für vegane Schuhfetischisten..

 

Ja. Rückblickend kann man nur dankbar sein, kein Schuhfetischist gewesen zu sein. 

 

Und wie bist Du dann Veganerin geworden?

 

In den Broschüren über Massentierhaltung habe ich erstmals erfahren, dass für Eier und Milch Tiere umgebracht werden. Dass Müttern die Kinder entführt werden, dass Hühnerküken zu Millionen gehäckselt werden. Das hat mich so geschockt, dass es dann tatsächlich noch 2-3 Jahre gedauert hat, bis ich mich entschloss, den notwendigen Schritt zu machen. Den Ausschlag gab wohl auch meine Abifacharbeit über Vegetarismus, als ich tiefer in die Thematik eingestiegen bin und wusste, dass ich vegan werden will.

 

Du hattest wieder keine Mentoren?

 

Ach, woher denn? Und blöderweise hatte ich mir als Vegetarierin das Käsefressen angewöhnt, außerdem habe ich Unmengen an Milchschokolade gegessen, davon musste ich mental Abschied nehmen. Erstmal hatte ich den Schokoladenentzug gemacht. Radikal. Von heute auf morgen. Es hat drei Wochen gedauert, dann war ich geheilt. Seitdem kann man mich mit Süßigkeiten jagen. Mama hat dann auch gesagt, dass sie das nicht mehr mitmachen wrde, für mich vegan zu kochen. Und ich hatte keine Ahnung vom Kochen, Rezepte gab es nicht und ich steckte mitten im Abitur.

 

Und wie hast Du dann den Entzug geschafft?

 

Ich habe mir eine Deadline gesetzt. Zum Jahreswechsel. Und den Vorsatz habe ich in 30 Jahren nicht ein einziges Mal gebrochen. Mit der Ausnahme, dass in anfangs immer noch genüsslich am Käse gerochen habe. Aber das ist mir auch vergangen. Heute würde es mich wohl grausen. Es ist wirklich alles nur eine Kopfgeschichte.

 

Wie ist Dir die Lust auf Käse vergangen? Das scheint ja für viele Veganer ein Problem zu sein!

 

1993 war ich in den USA, da gab es schon Symbole für vegetarisches und veganes Essen in vielen Restaurants. Und es gab vegetarische Restaurants, wo man veganen Käse angeboten hat, bestimmt die reine Chemie, aber das war mir völlig egal. Ich dachte: "Dass ich das noch erleben darf!" und bestellte diesen Kunstkäse. Und die Erinnerung war da, aber ich dachte nur: Dass ich mich danach jahrelang verzehrt habe? Wie blöd." Es schmeckte einfach nicht mehr. Es hatte keine Wichtigkeit mehr. Ich war geheilt. 

 

Wie reagierte Dein Umfeld auf Deine Entscheidung, vegan zu leben?

 

Wie gesagt, erstmal wusste man gar nicht, was vegan ist, ich musste es selber auch erstmal rausfinden und umständlich erklären. Ja, und dann war das Geschrei natürlich groß. Was bildet sich die ein, aus der Reihe auszuscheren! Da mussten Maßnahmen ergriffen werden.

 

Und die waren? 

 

Man hat mir freundlicherweise den Tod prophezeiht. Du stirbst!, sagten sie. Das ist mir nichts Neues, sagte ich, Bis jetzt ist noch jeder gestorben, der sich ernährt hat. Nein, Du wirst bald sterben. Dir werden die Haare ausfallen und dann ist es aus!, drohte man mir. Wie lang habe ich noch?, fragte ich. Ein Jahr. Vielleicht!, lautete die Antwort.

Nun gut, wenn das so ist, sagte ich, dann beiße ich halt früh ins Gras, aber mit gutem Gewissen.

Nach einem Jahr fragte ich: So, und wo bleibt er nun, der Tod?

Naja, meinte man, es kann auch zwei Jahre dauern.

Nach zwei Jahren stellte ich fest, dass dieser Tod schon ein unzuverlässiger Geselle sei. Wart´s ab, sagte man, es kann auch fünf Jahre dauern.

Naja, irgendwann haben sie aufgegeben, mir zu drohen, um mich in ihre Tätergemeinschaft zurückzutreiben.

 

Klingt Alles in Allem nicht sehr ermunternd.

 

Heute leben wir ja in paradiesischen Zeiten, mit Vitamintabletten ist es heute erlaubt. Damals gab es auch noch nicht viel, was einem die Sache leichter gemacht hätte. Es war ein kalter Entzug. Allerdings gab es immerhin schon Sojamilch, Tofu und von Tartex diese veganen Pasteten. Und es gab das texturierte Sojaeiweiß von Hensel. Aber das war´s dann schon wieder. Das Beste war Sojapudding im Tetrapack von Vitaquell. Den konnte man direkt aus der Schachtel schlürfen, das war so lecker und praktisch. Leider gibt es den nicht mehr, glaube ich. Das war meine vegane Astronautenkost über Jahre hinweg.

 

Klingt jetzt nicht so gesund...

 

Für die Tiere ist es aber sehr gesund. Die eigene Gesundheit hat mich nie interessiert, in den guten, alten Zeiten war das auch nicht der Zeitgeist. Da dachte man noch politisch, das gab es noch Restbestände einer sozialen Kultur. Auch dachte ich ja, man stirbt, also waren die Erwartungen bescheiden. Das Ziel war, möglichst lange durchzuhalten. Ratgeber gab es keine. War auch egal. Ich fand, dass es ein Grundrecht ist, die eigene Gesundheit zu ruinieren. Und ein Verbrechen, wenn man andere Gesundheiten ruiniert. Zum Beispiel die von Tieren. Übrigens habe ich auch 16-17 Jahre konsequent B12-frei gelebt, das hätte ich eigentlich nicht überstehen dürfen, mit dem heutigen Wissenstand.

 

Und wie hast Du es dann doch überstanden?

 

Naja, ich wusste es ja nicht. Es gab keine Erwartungen, die sich zu erfüllen hatten. Mit meinen Erfahrungen kann ich heute über diese gesundheitliche Wichtigtuerei nur lachen. Neulich habe ich gelesen, dass der Pandabär eigentlich ein vegan lebender Allesesser ist. Das fand ich großartig. Wenn der das kann, kann ich das auch. Und der isst keine Vitamintabletten. Ich denke, dass diese gesundheitlichen Warnungen, die so hochprofessionell daherkommen, nur Politik sind.

 

Die meinst, da stehen Interessen dahinter?

 

Und was für Interessen. Die Wirtschaft will vorbeugen, dass ihnen die Felle wegschwimmen. Die reagieren auf kleinste Umsatzbedrohungen schon sehr empfindlich. Die Sache mit dem B12 ist überhaupt nicht geklärt. Ich halte es für einen Mythos. Es ist kein Zufall, dass es das Lieblingsargument der Überzeugungsfleischfresser ist, zu sagen, eine Ernährung könne nicht richtig sein, wenn man sich aus der Apotheke ernähren muss. Wenn die Wirtschaft Marketingexperten ansetzt, dann darf man nichts Plumpes erwarten. Die wissen schon, wie es geht. Man kann da gar nicht schlecht genug mutmaßen.

 

Wie denkst Du, ist deren Strategie?

 

Sie suggerieren, dass vegane Ernährung kompliziert ist und substituiert werden muss. Das schreckt natürlich ab. Essen muss lustvoll sein, die Nährstofftabelle zum Essen  ist wie Tennissocken beim Sex. Es vergeht einem zwangsläufig.

 

Wie lange hat es gedauert, bis du die ersten anderen Veganer kennengelernt hast?

 

Als ich in München noch aktiv war so mit 18 oder 19 Jahren, kamen zwei Mädels in die Gruppe, die dann auch in die Richtung gingen. Die eine hat allerdings so eine laktovegetarische Räucherwurst gegessen, da hat sie eine Ausnahme gemacht. Ich habe die Frau vor einem Jahr zufällig in Hamburg wiedergesehen. Sie hat bis vor Kurzem vegetarisch gegessen und seit einem halben Jahr wieder vegan. Die andere hat ziemlich bald das Fleischfressen wieder angefangen.

 

Also keine "richtigen" Veganer?

 

Naja, wie auch immer. Die ersten richtigen Veganer, die sich nach dem Reinheitsgebot ernährt haben, traf ich Jahre später, so ungefähr 1991 oder 1992. Es waren Jungs aus der Straight-Edge-Szene. Die waren ganz entsetzt, dass ich mit Katzen zusammengelebt habe. Sie fanden Haustierhaltung verwerflich. Das finde ich auch, meinte ich, aber die Katzen, die bei mir leben, wären doch gestorben, wenn ich sie nicht gerettet hätte. Das ist keine Haltung, das ist Wohngemeinschaft. Wir rücken zusammen. Das war für sie kein Argument. Würdest du eine angefahrene Katze im Straßengraben verrecken lassen, nur weil du gegen Haustierhaltung bist?, fragte ich. Ja, war die Antwort. Das fand ich pervers. Ich habe vegan anders verstanden.

 

Fortsetzung folgt

 

Silke über Fleischfresser, die sich über die Gesundheit von Veganern Sorgen machen:

Sorgen sind die Hoffnungen der Feinde.

Silke mit dem Plumpsklo-Kätzchen

Nach einem Schlüsselerlebnis sollte man Fleischfresser fragen: Was ist in Deinem Leben Furchtbares geschehen, dass es Dir dermaßen konsequent Gewissen und Mitgefühl ausgetrieben hat? 

Klein-Silke lebte von Mirakoli. Der Arzt sagte: Hierzulande verhungert kein Kind. Das war noch in Zeiten, als die Menschen und Ärzte noch normal waren. 

Silke mit 23 und mit Kätzchen Joschi, der 17 Jahre lang bei Silkelebte

Es fühlte sich widerlich und obszön an, das kalte Kotelett zu essen.

Schon 10 Jahre vegan und kann immer noch lachen

Silke über vegane Mangelkrankheiten:

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