Ein Gespräch mit einer veganen Mutter

Silke lebt seit 1986 vegan und gehört damit zum veganen Urgestein der Bewegung. Vor 11 Jahren hat sie einen Sohn geboren. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen als vegane Schwangere und Mutter.

Silke mit dem neugeborenen Aljoscha
*Der Ratgeber

Vegan und schwanger

FRAGE: Du warst bereits Veganerin, als du schwanger wurdest. Gab es deshalb Probleme?

 

SILKE: Ich lebte etwa 16 Jahre vegan, als ich schwanger wurde. Und es war für mich eigentlich gar kein Problem. Allerdings habe ich mir damals das erste Mal Gedanken um eine gesunde Ernährung gemacht, ich wollte mein Kind ja nicht durch eine Mangelernährung gefährden. Und die Warnungen waren mir natürlich bekannt.

 

War gesunde Ernährung für Dich vorher kein Thema?

 

Ich wurde Veganerin aus ethischen Gründen. Damals hatte man mir den baldigen Tod prophezeiht, das hat mich robust gemacht. Um meine Gesundheit habe ich mir damals nie Gedanken gemacht, weil mir dieser Haufen Blödmänner eingeredet haben, dass ich siech und krank würde, um mich auf Spur zu bingen. Ich dachte, dass es nur für die Tiere gesund ist und ich habe für mich nichts Gutes zu erwarten. Aber das war es mir wert.

 

Und diese Einstellung hat sich durch die Schwangerschaft verändert?

 

Ich bestehe darauf, dass es ein Grundrecht ist, die eigene Gesundheit zu ruinieren. Aber nun hatte ich Verantwortung für mein Baby im Bauch. Das änderte alles.

 

Und was hast Du dann gemacht? Mit Deinem Arzt gesprochen?

 

Meinem Arzt war einer von der Sorte, die nichts aushalten. Er hat bereits Schnappatmung bekommen, als ich vorsichtig angedeutet habe, soweit kein Fleisch zu essen. Ich habe sofort gemerkt, dass ich ihm die Wahrheit nicht zumuten konnte, ich bin ja nicht unsensibel. Also habe ich Rücksicht auf seine empfindliche Psyche genommen und dem armen, schwachen Mann lieber nichts gesagt, was ihn aufregen könnte.

 

Ist das nicht etwas fahrlässig? Mit seinem Arzt muss man doch alles besprechen, was wichtig ist.

 

Ich finde, es ist nur rücksichtsvoll. Vor allem mir selbst gegenüber, wer lässt sich schon gern von Ideologen anmissionieren!? Und wenn man schwanger ist, ist man auch ein bisschen nervenschwach. Heute würde ich vielleicht offensiver vorgehen, jetzt gibt es ja auch entsprechende Kampfschriften, auf die man sich beziehen kann.

 

Ist das nicht belastend, wenn man sich mit seinem Arzt nicht vertrauensvoll besprechen kann?

 

Ich halte es jedenfalls für enorm wichtig, dass Gynäkologen entsprechend informiert werden, um Veganerinnen diesbezüglich gut beraten zu können. Ich habe den Eindruck, dass viele Frauen eigentlich wollen, aber sich nicht richtig trauen und deshalb ihre eigene Überzeugung verraten, weil sie von ideologischen Ärzten in die Irre geführt werden. Das kann auch nicht gesund sein.

 

Und wie hast Du diese Sitiation dann gelöst so ohne jede professionelle Hilfe?

 

Ich habe mir Literatur besorgt und festgestellt, dass ich mir eigentlich keine großen Gedanken machen muss. Ich hatte das Glück, dass ich Jahre zuvor mal eine Übersetzung eines ärztlichen Ernährungsberaters für vegane Mütter herausgegeben habe. Das war mir jetzt eine große Hilfe. 

 

Und wie hast Du Dich dann während der Schwangerschaft ernährt?

 

Es kommen ja in der Schwangerschaft diese berühmten Gelüste, die einem die Richtung weisen. Am Anfang war ich ganz verrückt auf rohes Gemüse und Kräuter, was ja die beste Folsäurequelle ist, und zu Beginn einer Schwangerschaft braucht man viel Folsäure. Ich habe das ganze Grünzeug schon auf dem Nachhauseweg direkt aus der Tüte gefuttert. Später verlangte ich nach Eiweißreichem und machte mir täglich einen Bananenshake aus Sojamilch, Bananen und Mandelmus, das ich zusätzlich mit Sojamilchpulver angereichert habe. Man muss eben nur die Gelüste lesen lernen.

 

Hast Du Zusatzpräparate genommen?

 

Zu Beginn der Schwangerschaft habe ich ab und zu Multivitaminsaft getrunken, da ist ja auch das Vitamin B12 drin. Da hatte ich Lust drauf. B12 habe ich vorher nie sublimiert, obwohl das ja so empfohlen wird und kann wohl sagen, dass ich 16 Jahre B12-frei gelebt habe.

Ansonsten habe ich viel Gemüse gegessen und Hülsenfrüchte, oft Tofu, Nüsse, Getreide, Obst. Und kein Junkfood, also nichts, dass viel Kalorien und wenig Nährstoffe enthält. So bin ich dann auch schlank geblieben.

 

Und was war mit Vitamin D? Das ist bei veganer Kost ja auch kaum enthalten.

 

Darüber war ich mir bewußt. Auch deshalb war ich täglich stundenlang mit meinem Hund draußen, da konnte ich mit Sicherheit mehr als genügend Vitamin D in der Haut bilden. Das habe ich dann später auch mit meinem Kind gemacht. Wir waren sehr viel unterwegs in der Natur.

 

Nie Sorge gehabt, sich unzureichend zu ernähren?

 

Die Werte waren immer völlig in Ordnung. Ich war die einzige Schwangere beim Arzt zu dieser Zeit, die kein Eisenpräparat benötigte. Alle anderen waren blutarm geworden. Wenn der Arzt gewußt hätte, was ich für eine bin, da wär dem armen Mann sein ganzes Weltbild zusammengebrochen. Ansonsten war es eine Musterschwangerschaft. Als ich zur Entbindung kam, staunte der Arzt, wie beweglich ich noch bin. Ich habe 16 kg zugelegt, das war gut, denn ich war zu Beginn der Schwangerschaft sehr schlank.

und immer unter Freunden
Von Kater Joschi sozialisiert
unzertrennlich
Auch die Gesellschaft von Enten wird geschätzt

Veganes Baby - wie geht das?

Und der Sohn war gesund?

 

Mein Sohn wog bei der Geburt 3000 Gramm und war 52 Zentimeter lang. Da ich sehr zierlich bin, sind das wunderbare Werte. AGPAR 9 10 10, besser gehts kaum. Die 9 kam davon, dass er etwas blass war. Er hat sich nämlich die Nabelschnur um den Hals gelegt, aber ich glaube nicht, dass das mit der angeblich erhöhten Depressivität von Veganern zu tun hatte.

 

Hast Du im Krankenhaus veganes Essen bekommen?

 

Nein, aber meine Eltern rückten täglich mit riesigen Mengen Essen an. Zwei Tage nach der Geburt kam dann übrigens eine Ernährungsberaterin vorbei, weil man spitz gekriegt hatte, dass ich Veganerin bin. Wir haben uns kurz unterhalten, sie hat sofort gemerkt, dass ich mich auskenne. Sie hatte auch keine Bedenken. Irgendwie ganz süss war, dass sie zum Schluss ganz stolz mit einer Tüte Sojamilch ankamen. Man hat sich also Gedanken gemacht.

 

Wie hast Du Deinen Sohn ernährt?

 

Ich habe ihn lange gestillt. Als er dann feste Nahrung zu sich nahm, habe ich darauf geachtet, ihn gesund und vollwertig zu ernähren. Nussmuse zum Frühstück waren obligatorisch. Es ist ja wichtig, veganen Kindern viel hochkalorische Lebensmittel zu geben, also Nüsse, Getreide und Hülsenfrüchte. Obst und Gemüse sind eher zweitrangig.

 

Wie hat sich Dein Baby entwickelt?

 

Er hat sich vollkommen normgerecht entwickelt. Gewicht und Größe waren immer derart durchschnittlich, dass einem schon bang werden konnte. Wirklich toll war, dass er nie einen Heißhunger auf Süssigkeiten entwickelt hat. Wenn man ihm Schokolade oder eine Möhre angeboten hat, hat er immer die Möhre genommen. In den ärzlichen Berichten stand immer sowas wie "heftig schreiender Säugling in bestem Pflegezustand" oder so.

 

Hast Du manchmal Bedenken gehabt, dass ihm was fehlt? Oder Bluttests machen lassen, um den Ernährungszustand zu überprüfen? 

 

Nein, nie. Ehrlich gesagt finde ich die Aufregung darum etwas übertrieben. Auch in größer Armut und im Krieg kriegen die Leute ihre Kinder groß. Bei meiner Mama gab es Mehlsuppen in der Nachkriegszeit. Und in den Elendsvirteln der Welt wird heute noch millionenfach gedarbt und gehungert. Ich käme mir dekadent vor, würde ich vor übervollen Regalen hochwertigster Lebensmittel im Biomarkt Sorgen zu bekommen, mein Kind nicht satt zu bekommen. 

 

Gab es Problem im Kindergarten und in der Schule mit der Ernährung?

 

Wir leben in einem Land, in dem Gewissensfreiheit ein verbrieftes Grundrecht ist und ich habe kein Problem, Respekt vor unserer Ernährungsentscheidung einzufordern. Natürlich wurde und wird nicht überall darauf eingegangen, dass wir vegan leben. Manche haben auch einen Flunsch gezogen, aber das haben sie auch, als ich angab, Heidin zu sein und das in Bayern. 

So habe ich Aljoscha meistens mit eigenem Proviant versorgt. 

Urlaubsbekanntschaft

Vegane Erziehung - geht das?

Hast Du auch auf Deinen Sohn ideologisch eingewirkt?

 

Aber sicher doch. So wie Fleischesser halt auch, nur, dass ich mein Kind nicht angelogen habe. Ich habe meinem Sohn schon früh erklärt, warum wir vegan leben, das verstehen auch schon kleine Kinder. Er wächst auch in einem Klima auf, in dem man Anderen stets auf Augenhöhe begegnet. Und zu den Anderen gehören natürlich auch die anderen Arten. Mir ist wichtig, dass er versteht, warum wir etwas tun und warum wir etwas lassen. Zwang und Diktat sind mir zuwider. Das würde bei meinem dickköpfigen Kind auch schwer gelingen.

 

Wie kann man sich kindgerechte vegane Erziehung so vorstellen?

 

Das hat so viele Facetten. Es beginnt mit dem respektvollen Umgang mit den Katzen, die mit uns zusammen wohnen. Wenn man das einfach lebt und keine Katze vom Stuhl scheucht, nur weil man selber dort sitzen möchte, dann wächst ein Kind einfach in einem Klima auf, in dem Tiere ernst genommen und als Personen wahrgenommen werden. Das prägt fürs Leben. Eziehung ist Beispiel und sonst nichts, hat Pestalozzi mal gesagt. 

 

Zumindest weiß ein Kind dann liebevoll mit Katzen umzugehen. Aber wie ist das mit anderen, fremden Tieren?

 

Wir haben die vielen Tiere auf unseren Spaziergängen immer als Induviduen wahrgenommen und vor allem: wir haben sie überhaupt gesehen. Ich habe sie ihm gezeigt, die Vögel in den Bäumen, die lustigen Krähen und die Schwäne am Wasser. Wir haben jeden Regenwurm bestaunt. Im Winter haben wir im Park die Enten gefüttert, weil die ja auch Kohldampf schieben, und ich habe ihn gezeigt, wie man darauf achtet, dass auch die Schwächeren was abbekommen. 

 

Nun gibt es ja auch kleine Kinder, die grob zu Tieren sind und Steine auf Vögel werfen oder Tauben jagen und Insekten fangen und töten. Sie wissen es halt nicht besser. Wie hast Du in solchen Fällen reagiert?

 

Aljoscha war nie, absolut nie gewalttätig gegenüber Tieren. Niemals und kein einzige Mal. ich hätte es natürlich auch niemals zugelassen, aber es ist wirklich nie passiert. Er hat noch nicht einmal nach einer Mücke geschlagen sondern ihnen staunend beim Blutsaugen zugesehen.

 

Das klingt danach, dass er auch übers Wasser gehen kann?!

 

Ein Versuch wäre es wert (lacht). Ich habe halt immer sehr darauf geachtet, Aljoschas Integrität nie zu verletzen und immer seine Grenzen respektiert. Vielleicht hat er dadurch ein Gefühl für Grenzen mit der Muttermilch aufgesaugt. Das hat sicher etwas damit zu tun. Ja, ich bin davon überzeugt, dass das Gefühl für Grenzen sich so am besten entwickelt.

 

Dein Sohn hat also den liebevollen und respektvollen Blick auf alle Tiere übernommen.

 

Absolut. Ganz rührend war, als wir einmal zum Supermarkt gingen, da war er vielleicht zweieinhalb Jahre alt. Es hatte geregnet und überall auf dem Weg waren diese kleinen Schnecken unterwegs. Ich habe eine von ihnen in die Wiese umgesetzt und Aljoscha erklärt, dass ich das mache, damit die Schnecke nicht von irgendeinem Trampel totgetreten wird. Wir haben dann Ewigkeiten zum Supermarkt gebraucht, weil das kleine Kerlchen wirklich jede Schnecke gerettet hat. Das macht er bis heute. 

 

Und wie hast Du ihm das mit der veganen Ernährung vermittelt?

 

Das weiß ich gar nicht mehr genau. Ich habe ihm wohl gesagt, dass das Fleisch und die Wurst dort in der Theke tote Tiere sind. Und dass man Eier und Milch den Hennen und Kühen klaut. Allerdings hat er sich für diese "Lebensmittel" nie interessiert. Der wollte das nie probieren, da kam ihm gar nicht in den Sinn.

Bei Gemüse war das anders. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er bei einem Einkauf mal mit einer angebissenen roten Paprikaschote ankam. Da war er noch keine zwei Jahre alt. Ich bin mit ihm in die Gemüseabteilung zurück, um sie abzuwiegen, denn nun musste ich sie ja wohl kaufen. Da sah ich, dass er tatsächlich jede einzelne rote Paprikaschote angebissen und wieder zurückgelegt hat. Alle waren angenagt. Und ich hatte zu wenig Geld dabei. So sind wir dann schnell verduftet. 

 

Wann hat er das mit dem Fleisch verstanden?

 

Ziemlich früh. Wir waren im Supermarkt und mussten an der Fleischtheke vorbei. Dort blieb er stehen, zeigte auf die Auslage und sagte mit strengem, ernstem Tonfall zu einer Frau, die dort stand: "Das sind tote Tiere!"  Die Frau war völlig geschockt, dass sie von einem Dreijährigen was lernen kann. 

 

Das mit der Milch und den Eiern ist sicher schwerer zu vermitteln?

 

Er sieht das nicht als Lebensmittel. Meine Eltern leben vegetarisch und bei einem Besuch bei ihnen hat er auf der Küchenanrichte ein Ei entdeckt. Dafür hat er sich interessiert. Meine Mutter hat es ihm gegeben und er hielt das Ei so andächtig und hingebungsvoll in beiden Händen, als wäre es ein Küken. Das hat uns alle sehr gerührt. 

 

Was würdest Du jungen Müttern für vegane Erziehungstipps geben?

 

Ich möchte keine Tipps geben, man sollte auf die eigene innere Stimme hören und im Dialog zum Kind stehen. Die vegane Ethik zu vermitteln ist nicht wirklich schwer, wenn man sie vorlebt, wenn man die Liebe und den Respekt vor Tieren als gleichwertige Personen mit Gefühlen und Verstand vorlebt. Man muss es meinen, was man sagt. Nicht so viel reden, Worte sind Schall und Rauch. Kinder spüren, was echt ist. 

 

Wann zeigt man Kindern Bildern von gequälten Legehennen? Zeigt man sowas überhaupt?

 

Ich halte nichts davon, Kinder mit Folterbildern zu traktieren. Ich habe schon meine Probleme damit, Erwachsene damit zu konfrontieren. Es hat so etwas Negatives, Destruktives. Ich kann nicht ausschließen, dass Aljoscha solche Bilder schon früh gesehen hat, aber sie gehören nicht in mein veganes Erziehungsmodel. Ich habe ihn auch nicht zugetextet mit Klimawandel und Welternährung und anderem verkopften Kram. Es geht um Gefühle. Es geht um Liebe, Achtung, Respekt und das ich das lebe, vorlebe. Neulich sagte eine Lehrerin von Aljoscha über ihn, er habe eine sehr seltene Fähigkeit: er habe Herzensbildung. Ich war ganz hingerissen von diesem altmodischen Begriff. Aber er trifft es wohl.

 

Gibt es noch andere Aspekte einer gelungenen veganen Erziehung?

 

Ganz, ganz wichtig ist, vorzuleben, dass das Urteil anderer Menschen generell nicht wichtig ist. Denn der Gruppendruck ist die stärkste Macht, die auf ein Kind irgendwann einwirkt, um es ideologisch auf Spur zu bekommen. Das ist die größte Herausforderung, heute wohl mehr denn je, wo die Kinder schon früh in Tagesstätten großgezogen werden und damit die Angst, nicht dazuzugehören, zur Urangst wird. Schon Tocqueville sprach von der Tendenz, dass in der Demokratie die Liebe zur Freiheit geringer ist als die Liebe zur Gleichheit.

 

Und wie bekommt man das hin?

 

Nun, Aljoscha ist hauptsächlich in seiner Familie herangewachsen und Institutionen haben bis zum Schulbeginn eine geringe Rolle gespielt. Einem starken Sechsjährigen macht man dann mit der Drohung der sozialen Ausgrenzung nicht mehr eine solche Angst wie einem Zwei- oder Dreijährigen.

 

Kindergarten treibt den Veganismus aus, meinst Du? Aber was machen Eltern, die auf diese Instututionen mehr angewiesen sind als Du?

 

Ich glaube, nur die bedingungslose Loyalität zum Kind macht dieses stark, ein Individuum zu werden. Man darf, nie, nie sein Kind verraten. Wenn Leute kommen und sich beschweren, darf man niemals den Druck oder den Tadel weitergeben ans Kind. Egal, was es angestellt hat. Das klärt man anders, erstmal wird das Kind loyal verteidigt. Niemals darf man einen Millimeter von der Seite des Kindes abweichen. Ich glaube, dass die Loyalität der Eltern für ein Kind existentiell notwendig ist, um ein starkes Selbstbewußtsein entwickeln zu können und das ist notwendig, um dem Gruppendruck etwas entgegensetzen zu können, was hält.

 

Was sagen andere Leute dazu, dass Du Deinen Sohn vegan ernährst?

 

Die meisten fragen natürlich, ob das nicht ungesund sei. Kein Wunder, der Ruf der veganen Ernährung ist ja noch sehr vorurteilsbelastet. Und dann heißt es schnell, das Kind ist ja so blass, fehlt ihm was? Dabei ist er nur sehr hellhäutig. Und wenn ich so in die Einkaufskörbe der Leute schaue oder die Pausenbrote der Klassenkameraden sehe, so weiß ich, dass unsere Ernährungsweise wesentlich besser ist. Milchschnitte, Süßigkeiten, Weißbrot mit dick Fleischwurst darauf. Aber da sagt niemand was.

 

Wie ernährst Du Deinen Sohn gesund? Hast Du Tipps für unsere Leserinnen mit Kindern?

 

Wenn das so einfach wäre. Kinder entwickeln ihre Ernährungsvorlieben und da rennt man gegen Mauern, wenn man nicht zur altertümlichen Kinderquälerei übergehen möchte, so wie es der kleinen Lotta in der Krachmacherstraße ging, weil sie den Hering nciht essen wollte: "Du bleibst sitzen, bis du aufgegessen hast." Aljoscha hatte Phasen, da wollte er nur Pfannkuchen. Was soll man da machen? Vollkornpfannkuchen backen oder Buchweizenmehl nehmen. Wenn die Nudeln-mit-Tomatenphase angesagt ist und Vollkornspaghetti verschmäht werden, mische ich eben Vollkornnudeln mit Weißmehlnudeln, dann schmeckt es auch und ist aufgewertet. Oder wenn er aus der Kichererbsensuppe derzeit nur die Kichererbsen rausisst und das Gemüse zurücklässt mit den Worten: "Das Gekrumpel esse ich nicht." Ja, ich mache mich da nicht verrückt und schaue, dass ich ihm zu jeder Mahlzeit was richtig Gesundes unterjuble: Nussmuse zum Frühstück, Smoothies, eine Möhre zum Knabbern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder Gemüse lieber roh essen, also gibt es "das Gekrumpel eben roh. 

 

Denken manche Leute auch, dass du Dein Kind bevormundest?

 

Klar. Allerdings nur hinten herum, ins Gesicht trauen sie sich nicht. Man trägt mir dann zu, dass Leute denken, dass ich meinem Kind meine Ideologie aufzwinge. Die sind mir die allerliebsten. 

 

Immerhin kann sich ein ein- oder zweijähriges Kind noch nicht selbst entscheiden?

 

Nein, aber das gilt für alle Kinder, auch für die von Fleischessern. Die zwingen ihren Kindern auch ihre Ideologie auf, wenn sie ihrem Kind Tiere füttern und in den Zoo gehen. Es ist die Ideologie, dass Tiere Lebensmittel sind und es verdient haben, eingesperrt zu werden. Alle Eltern vermitteln ihren Kindern die Werte und Überzeugungen, die sie für richtig halten. Warum sollte ich es nicht dürfen? Ich tue das in Hinsicht auf das Verhältnis zu Tieren sicher bewusster und vor allem ehrlicher, als die meisten Fleischesser.

 

Aber es ist ja bei Dir eine Mindermeinung?

 

Na und? Für die Mindermeinung wurde das Grundrecht auf Gewissensfreiheit ja in erster Linie eingerichtet. Die Mehrheitsmeinung, die Mehrheitsüberzeugung hat noch nie grundrechtlichen Schutz gebraucht, weil sie immer die Macht der Meute für sich hat.

 

Hast Du keine Sorge, dass Dein Sohn zum Außenseiter wird durch seine Ernährung!

 

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. In dieser Hinsicht bemühe ich mich nach Leibeskräften, dass mein Sohn ein besonders lebendiger Fisch in trüben Gewässern wird. Ich sehe heute, dass er genügend Selbstbewusstsein hat, auch gegen eine Mehrheit für seine Überzeugung zu stehen. Für ihn hat es nichts Abschreckendes, auch mal ein Außenseiter zu sein. Er hat überhaupt keinen Ehrgeiz, Everybodys Darling zu sein. Er steht für sich.

 

Dazu muss er aber schon recht forsch sein, oder?

 

Aljoscha ist im Gegenteil ein sehr zurückhaltender, ruhiger Junge. Um sich zu behaupten muss man nicht zwangsläufig extrovertiert sein. Man muss vertrauen könnnen, vor allem sich selbst.

 

Manche veganen Müttern überlassen ihren Kindern die Entscheidung, wie sie sich ernähren wollen und erlauben ihnen, zum Beispiel in der Kita Fleisch zu essen, wenn sie es wollen.

 

Nun denke ich, dass man ein Unrecht nicht ersteinmal begehen sollte, um davon bewusst Abstand zu nehmen. Diese Art von Toleranz degradiert den Veganismus zur reinen Privatangelegenheit. Aber das ist er im philosophischen Sinne eben nicht, weil das Leben der Tiere einen existentiell hohen Stellenwert hat und keine Gemschacksfrage ist.

Respekt vor der freien Entscheidung des Kindes kann man auch anders ausdrücken. Mir erscheint eine solche Pseudotoleranz eher konfliktscheu. Aber es liegt halt auch nicht jedem, standhaft zu sein gegen den Mainstream. 

 

Du verbietest Deinem Sohn das Fleischessen?

 

Natürlich nicht. Ich habe ihm sogar vor Zeugen ausdrücklich gesagt, dass er Tiere essen darf, wenn er möchte. Natürlich hab ich das vor allem gemacht, um denen das Maul zu stopfen, die meinen, ich würde mein Kind schuriegeln, dabei sind sie selbst autoritäre Charaktere. 

 

Und wie hat er reagiert?

 

Er hat sich an die Stirn getippt und gefragt: "Spinnst Du??" Das war den autoritären Gemütern freilich auch nicht genehm.  

 

Gab es Leute, die Deinem Sohn verführen wollten, indem sie ihm zum Beispiel Wurst zugesteckt haben?

 

Als er noch ganz klein war, hat ein Bekannter von mir ihm in einem Restaurant ein Stückchen Käse zugesteckt. Als ich protestierte, stellte er sich blöd und meinte: "Der ist doch noch so klein, dass er nicht weiß, dass das schlecht ist." Das war schon sehr respektlos. Er hat sowas nie wieder versucht. 

 

Das war sicher nett gemeint?

 

Da bin ich mir nicht sicher. Überhaupt soll man sich mal bewusst machen, dass kein Kind auf die Welt kommt mit gewalttätigen Erwartungen gegen Tiere. Sie werden korrumpiert und belogen, um sie zu einem Teil einer gewalttätigen Welt gegen Tiere zu machen. Ich finde, das ist auch Gewalt gegen Kinder, weil man sie dazu bringt, ein Leben zu führen, das mit Schuld belastet ist, und es ist sehr schwer, aus einem System von Tyrannei auszusteigen, das weiß man schon von der Mafia. Ich schenke meinem Kind Freiheit, wenn ich es vegan großziehe. 

 

Viele Kinder leiden ja auch an der Gewalt an Tieren. 

 

Ganz genau. Gerade ältere Leute erzählen mir immer wieder von traumatischen Kindheitserlebnissen im Zusammenhang mit Gewalt gegen Tiere: Die Gans, die im Keller geschoppt wurde oder das Schwein, das dort gemästet wurde. Und wie es schrie, als die Frau Schlegl kam, um es abzustechen. Oder der geliebte Hund vom Opa, der sofort ins Schlachthaus gebracht wurde, als der Opa gestorben war. Die Mäuse, die im Klo runtergespült wurden und die Fische, die in der kalten Nacht rausgestellt wurden, wo sie erfroren. Und der Spott der Alten über die Tränen der trauernen Kinder. Tausende Geschichten voller grauenvoller Gewalt. Und da sorgen sich die Leute um mein Kind, das davon fern gehalten wird in jeder Hinsicht. Was für eine verrückte Welt. 

 

Was sagst Du anderen Müttern, die sich für die vegane Lebensweise interessieren.

 

Nur Mut! Solidarität mit allen Müttern und Kindern dieser Welt, auch mit den Kuhmüttern und den Kälbchen und Schweinemüttern und Ferkeln und all den Hennen und Küken. Millionen Tiere stehen hinter Dir. 

 

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© Silke Ruthenberg