Vegane Kinder: Landwirtschaftsminister Schmidt will uns verscheißern

Aljoscha lebt seit Zeugung nun schon 13 Jahre vegan. Sein Kommentar zum Bedenkenträger Schmidt: "Wer traut schon einem Rechtsanwalt!"

Rechtsanwalt und Schinkenspeckgesicht Christian Schmidt warnte jüngst in einem Interview in der BILD vor den Folgen veganer Ernährung. Schmidt ist Landwirtschaftsminister und Schutzpatron der Bauern und fühlte sich deshalb wohl berufen (oder wurde gerufen, weil das Volk marktschädlich von der Wurst wegstrebt). Insbesondere bei Kindern sei vegane Ernährung geradezu verwerflich, es drohe Mangelwuchs und Schwachsinn. Angstmache gehört halt immer noch zum wirkungsvollsten Mittel der Meinungsmache.

 

Erwartungsgemäß griffen die anderen Gazetten die Vorlage nur zu dankbar auf. Wo kommen wir denn da hin, wenn uns die Dreisojakäsehochs vormachen, wie Anständigessen geht? N24 meinte es besonders gut und setzte seinen Artikel unter verschiedenen Überschriften für die ganz Begriffstutzigen gleich dreimal ins Netz. Allerlei Fachpersonal mit Doktoren- und Professorenanhängseln am Namen leisten Schützenhilfe. Man habe zwar keine Zahlen, aber immer wieder tauchten - huch, wie gruselig -  unterernährte Kinder bei den Ärzten auf und manche davon sind - buuh - Veganer!

Wir ahnen es: Pro-Wurst-Propaganda zur großen Bescherung.

 

Aber woher kommen denn nur Glaube und Hoffnung, dass vegane Ernährung das Kind missraten lässt? Denn Zahlen, das geben die Uken vom Dienst ja selber zu, gibt es gar keine. Haben sie es im Kaffeesatz gelesen? Oder ist im Kompetenz-Wissenschafts-Wirtschafts-Sprech "Kinder" ein Synonym für "Kontostand des Fleischkartells"?

Wir haben mal recherchiert: In der Tat gibt es noch wenige Studien zur Entwicklung und dem Gesundheitsstatus von vegan ernährten Kindern. Diese Studien jedoch lassen durchweg nichts Bedenkenswertes erkennen: Vegan ernährte Kinder entwickeln sich völlig normgerecht. Sie sind etwas leichter als omnivor ernährte Gleichaltrige (die ohnehin mehr und mehr zur Fettsucht neigen) und einige vegane Kinder sind im Alter zwischen 18 Monaten und dem 4. Lebensjahr etwas kleiner, holen aber das Wachstumsdefizit in den Folgejahren wieder auf. Wahrscheinlich ist die etwas geringere Körpergröße darauf zurückführen, dass vegane Kinder häufiger gestillt werden. Gestillte Kinder sind nämlich durchschnittlich erstmal etwas kleiner als mit Kuhmilch ernährte Altersgenossen.

Es gibt keinerlei Hinweise, dass die neurologischen, intellektuellen und visuellen Fähigkeiten veganer Kinder beeinträchtigt sind. Mehrere Studien ergaben im Gegenteil bei veganen Kindern einen durchschnittlich deutlich höheren IQ.

Herhalten für den Pauschalvorwurf müssen tatsächlich einige wenige Anekdoten, die zudem kaum als beispielhaft taugen. In der Literatur gibt es weltweit ganze vier veröffentlichte Fälle von PEM (Protein-Energy-Malnutrition), Protein- und Energiemangel sind tatsächlich ausgesprochen selten. Dokumentiert sind ferner ein Fall von Jodmangel, zwei Fälle von Rachitis (Vitamin-D-Mangel) und drei Fälle von Kalziummangel. Seit den 70er Jahren gibt es zudem zehn Berichte über ernsten B12-Mangel bei veganen Säuglingen. Weltweit. Bemerkenswert daran ist vor allem, dass es sich bei den erkrankten Säuglingen überwiegend um Kinder aus Sekten und makrobiotischen Gemeinschaften handelte, die weitere Einschränkungen in der Nahrungsmittelauswahl vornahmen und eine Einordnung als vegane Kostform unwissenschaftlich-vereinfachend ist. Teilweise waren die Mütter auch keine Veganerinnen und experimentierten einfach herum. Eine Untersuchung makrobiotisch-vegan ernährter, niederländischer Säuglinge, die keinerlei B12-Präparate bekamen, ergab bei 20% der Kinder einen geringen B12-Wert im Blut ohne Anzeichen neurologischer Störungen. Auch wenn Veganer tatsächlich nicht häufiger als Gemischtköstler an einem B12-Mangel erkranken, wird eine Substitution vor allem deshalb empfohlen, weil die sehr seltenen Schäden einer Mangelversorgung teilweise nicht reversibel sind. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme.

Vegane Kinderernährung enthält zwar im Durchschnitt weniger Kalzium und Vitamin B12, aber mehr Eisen (!), mehr Carotin, Thiamin, Folsäure und die Vitamine C und E.

Wir fragen uns, wann der besorgte Rechtsanwalt und Landwirtschaftminister endlich mal vor omnivorer Kinderernährung warnt. Wann die ewigen Bedenkenträger schwadronieren von der sehr komplizierten omnivoren Ernährung, die nur möglich ist bei Substituierung von Eisen, Vitamin C und so weiter? Den armen Dingern droht Blutarmut, Skorbut und Fettleibigkeit. Vom Schaden an der Seele ganz zu schweigen. Und vom Mord und Totschlag an Millionen Tieren ebenso.

 

 

 

 

 

 

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© Silke Ruthenberg